Mittwoch, 28. Februar 2018

Die Geschichte des verlorenen Kindes - Band 4 der neapolitanischen Saga

Bild von der hörverlag
Steckbrief

Name: Die Geschichte des verlorenen Kindes (auch als Buch erhältlich)
Autor: Elena Ferrante
Verlag: der hörverlag
Geeignet für: Ferrante-Fans, Leute, die gerne Buchreihen hören oder Erzählungen mögen
Gelesen oder gehört: gehört als ungekürztes Hörbuch
Sprecher: Eva Mattes
Bewertung: 4 von 5 Punkten


Klappentext 

(von der hörverlag

"Elena Ferrante erzählt hier das Leben der beiden inzwischen 30-jährigen Freundinnen Lila und Elena bis in die Gegenwart. Elena, die erfolgreiche Schriftstellerin, verlässt ihren Mann und kehrt in ihre Heimatstadt Neapel zurück. Selbstzweifel quälen sie, weil sie Arbeits- und Familienleben kaum vereinbaren kann. Ihrer brillanten Freundin Lila gelingen in Neapel als Unternehmerin erste Erfolge, doch die kommen sie teuer zu stehen."


Meine Meinung 

* Enthält oberflächliche aber keine detaillierten Spoiler

Gestaltung
Eigentlich informiere ich bei der Hörbuchgestaltung hauptsächlich über den Hörbuchsprecher bzw. die Hörbuchsprecherin und lasse das Cover außer Acht. Schließlich geht es beim Hörbuch ja nicht um die Optik. Allerdings möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass die Hörbuch Cover zur neapolitanischen Saga wirklich schön gestaltet sind. Auf jedem Cover sind die Schatten zweier Frauen zu sehen. Und das immer in unterschiedlichen Kulissen. Der letzte Band ist farblich etwas dunkel gehalten.
Eva Mattes hat uns auch durch Die Geschichte des verlorenen Kindes geführt. Sie durfte hier neuen Charakteren eine Stimme geben. Außerdem hat sie uns an die  Konflikte, die uns auch im letzten Teil nicht erspart bleiben, gut herangeführt. Gerade die gegensätzlichen Positionen, die Gemeinheiten zwischen den Zeilen, hat Eva Mattes sehr gut übersetzt.

Inhalt
Ich war sehr gespannt, wie Elena Ferrante die neapolitanische Saga enden lässt und was es mit dem verlorenen Kind auf sich hat. Ich war immer auf der Hut und fragte mich, welche der beiden Freundinnen um ihr Kind bangen musste und ob es im Laufe der Geschichte wieder auftauchen würde. Oder handelte es sich bei dem Titel nur um eine Metapher?

Hier fiel mir zum ersten Mal die Gleichmäßigkeit der Titel auf: Im ersten Band Meine geniale Freundin ist nicht etwa Lila gemeint, sondern Elena.
Im zweiten Teil Der Geschichte eines neuen Namens heiratet Lila und muss sich nun nicht nur mit ihrer eigenen Familie, sondern auch mit der Verwandtschaft des Ehemannes herumschlagen.
Im dritten Teil Die Geschichte der getrennten Wege erleben wir, wie Elena ihr Leben außerhalb Neapels meistert.
Und so ahnte ich, bezogen auf den letzten Titel, nichts Gutes. Ich war beinahe etwas erstaunt, als das Kind verschwand. Ich rechnete - ganz im neapolitanischen Stil - mit einer Entführung, Streitereien und bösen Drohungen. Doch der Mutter stand etwas Grausameres bevor.

Die Geschichte des verlorenen Kindes ist also das große Finale: Unsere Charaktere sind mittlerweile um die dreißig Jahre alt und es war spannend zu sehen, wie sie sich weiterentwickelt haben. Dadurch, dass wir die beiden Protagonistinnen in den Kindertagen kennenlernen durften, konnten wir auch beobachten, welche Ereignisse prägend für unsere Charaktere waren. Woraus sind sie gestärkt hervorgegangen? An welchem Ereignis sind sie zerbrochen?

Allerdings ging mir manches in Elenas und Lilas Entwicklung zu schnell: Lila bekommt eine zweite Tochter und das obwohl sie eigentlich nie viel für Kinder übrig hatte. Zu ihr - und auch zu Elenas Kindern - hat sie eine sehr innige Beziehung, was ich eher ungewöhnlich fand. Ansonsten war Lila aber ganz die Alte: Sie schaute genau hin und war keinesfalls gutgläubig. Spannend fand ich auch, dass sie sich gegenüber Elena herabsetzte. Elena war aus Lilas Sicht die Gebildete. Diejenige, die schreiben und reflektieren konnte und oben drein auch etwas davon verstand. Doch Lila bewies immer wieder, dass sie ebenfalls viel wahrnahm. Zudem zeigt sie auch, was man alles erreichen kann, wenn man sich für verschiedene Themen interessiert.

Elena durchlebt die Krisen des Autorendaseins: So kommt sie einfach nicht dazu, ein neues Buch zu schreiben. Schließlich geht es in ihrem Privatleben drunter und drüber. Da kommt ihr ein altes noch nicht überarbeitetes Manuskript gerade recht. Doch wurde es von mehreren Personen als ungeeignet und unglaubwürdig eingestuft. Als die finanziellen Nöte größer werden, wagt sie es und reicht das Manuskript bei ihrem Verlag ein.
Außerdem hat sich Elenas Beziehung zu Lila verändert. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich endlich von ihrer Freundin lösen konnte. Natürlich war Lila nach wie vor eine wichtige Bezugsperson für sie. Dennoch konnten beide Freundinnen unterschiedlicher Meinung sein, ohne, dass Elena das Gefühl hatte, dass ihre Ansicht nichts wert sei.
Elena wird als eine Person beschrieben, die geerdet durchs Leben geht. Sie weiß, dass sie kein besserer Mensch ist, nur weil sie studiert hat und Bücher schreibt. Und da kommt der Aspekt, den ich an ihr nicht ganz verstehe: Lila betont immer wieder, dass Elena ihre Töchter vernachlässige. Elena befindet sich tatsächlich viel auf Reisen. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sie eine Beziehung zu ihren Kindern hat und diese nicht für den Erfolg zu Hause sitzen lässt.

Was den Spannungsbogen betrifft, nahm ich hier wahr, dass die Handlung hin und wieder etwas dahin plätscherte und nicht viel passierte. Was mich an diesen Stellen durch die Geschichte trug, war zum einen der Schreibstil und eben die tollen Charaktere.

Schreibstil
Elena Ferrante erzählt die Geschichte aus der Sicht der allwissenden Erzählerin Elena. Warum allwissend? Immer wieder gibt es Passagen in denen Elena von Lila erzählt oder sich ausmalt, wie es ihrer Freundin in bestimmten Situationen ergangen sein muss. (Ich hoffe jetzt einfach mal, dass meine Behauptung stimmt :) ).
Dennoch verzichtet die Autorin hier keinesfalls auf Dialoge. Zuerst beschreibt sie eine Szene. Und je nachdem, wie wichtig diese ist, führt sie am Ende einen kurzen Dialog oder Monolog an, der die Szene bestätigend unterstreicht. Das hat mir sehr gut gefallen, weil der Dialog als solches hier als Stilmittel benutzt wurde, aber nicht zwingend dazu beitrug, die Geschichte voranzutreiben, sondern mehr dazu diente, verschiedene Aspekte hervorzuheben.

Dennoch erlebte ich in Die Geschichte des verlorenen Kindes Passagen, in denen die Geschichte dahinplätscherte. Woran das lag, kann ich leider nicht sagen. Hier hätte ich mir eine bessere Verstrickung der Handlungsstränge gewünscht. Allerdings war dies ja kaum möglich, da es sich hier um das Finale einer Reihe handelte.
Am Ende angekommen, merke ich, dass ich jetzt wieder gesättigt bin, was diese Art des Schreibstils betrifft. Allerdings würde ich jederzeit wieder zu einem Buch der Autorin greifen.

Gesamteindruck
Insgesamt hat Elena Ferrante hier einen schönen Abschluss ihrer Reihe geschaffen. Gegen Ende ging mir die Geschichte dann beinahe etwas zu schnell voran. Obwohl das Ende recht offen gehalten war, schloss sich für mich ein kleiner Kreis, weil die Geschichte beinahe so endete, wie sie begann. 


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* Dieses Hörbuch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt. 

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