Montag, 11. Dezember 2017

6, Türchen - Die Assistentin

«Hey, wo willst du hin? Gleich gibt’s die Überraschung?», zwinkerte ihr Betty verschwörerisch zu. Dabei wussten beide, dass es wahrscheinlich irgendein nichtssagendes Geschenk der Firma sein würde. Wie jedes Jahr. «Ich will mir mal kurz die Beine vertreten. Das Essen schaukelt noch so vor sich hin», lächelte sie.
«Aber geh nicht zu weit weg. Du hast ja gesehen, hier ist echt derbe tote Hose», meinte Betty und wandte sich nach der Verabschiedung wieder ihrem äußerst charmanten Gegenüber zu. So schnell würde ihr dann wohl doch nicht langweilig werden.

Maria verließ den großen Saal, der voller Menschen war. Alle hatten sie etwas mit der Firma zu tun. Angestellte, Geschäftspartner oder ehemalige, zufriedene Kunden. Und alle hatten sie eines gemeinsam: Sie wollten Weihnachten nicht alleine oder mit ihrer Familie verbringen.
Vor dem Gebäude hatten sich vereinzelt ein paar Raucher versammelt. In ihren Kreisen rauchte man nicht gemeinsam. Man nutzte die Zigarette als kurze Auszeit um für sich zu sein. Denn in ihrem Beruf war es wichtig, Kontakte pflegen zu können. Schweigsamkeit bei Tisch oder einer Konferenz würde nicht funktionieren und wurde auch von ihrem Chef nicht gern gesehen.
«Wir brauchen Kunden. Und wie bekommen wir die?», begann er dann immer mit seiner rhetorischen Frage.
Die Neulinge im Team blickten sich unsicher um und wussten nicht so recht, welches Wissen aus ihrem Bachelorstudiengang nun gefragt war. Oder spielte er sogar auf die ersten Inhalte des letzten Blockwochenendes des Masters an?
«Wir kehren zum Ursprung zurück. Kunden brauchen Leute, denen sie vertrauen können. Die nett zu ihnen sind und wissen, was sie wollen. Und an dieser Stelle schlagen wir zu: Wir geben ihnen das Gefühl zu Hause zu sein. Herr ihres Projektes zu sein. Was sie ja im Grunde auch sind.» Sobald er an dieser Stelle des Monologes angekommen war, gab es unter den Neulingen wieder ratlose, verunsicherte Blicke. War er nicht etwas verrückt? Oder wich er einfach nur gerne vom Thema ab? Konnte er sich das in seiner Position überhaupt leisten?

Maria wusste es. Er konnte es nicht. Und genau deswegen gab es sie. Die Frau, die dafür sorgte, dass der Laden nicht im Chaos versank. Sie kannte den Terminkalender ihres Chefs auswendig, denn sie hatte ihn erfolgreich geplant. Sie wusste über die Vorlieben der wichtigsten Geschäftspartner Bescheid und schaffte es so, immer angemessen auf diese zu reagieren. Bei den freundlichen und glücklichen Geschäftspartnern war es oft nur eine kleine Aufmerksamkeit. Eine Schachtel Pralinen aus der Gegend zum Beispiel.
«Oh, woher wussten Sie denn, dass ich schon immer mal so eine Schachtel haben wollte?»
«Haben Sie zufällig wieder an diese kleinen Schokolädchen ... Ah, ja Sie sind perfekt.»
Die Geschäftspartner, die hoch hinaus gekommen waren und sich schon lange auf ihr Geschäft verstanden, waren da etwas anspruchsvoller. Es begann hier schon bei einem Zimmer im besten Hotel und endete damit, dass man nach dem Geschäftstermin nicht seiner Wege ging, sondern sich nach der Arbeit mit dem Gast traf. Schließlich kannte er in dieser Gegend niemanden. Und es machte daher keinen guten Eindruck, wenn man ihm sich selbst überließ. Und dann waren da noch die Launen ihres Chefs. Maria hatte nämlich sehr schnell feststellen müssen, dass sich dieser nicht immer an seine eigene Maxime hielt. Freundlichkeit gehörte für ihn nicht zur Tagesordnung.

«Hey, wo wollen Sie hin?»
Ein Sicherheitsbeamter war ihr hinterher gelaufen, als sie das Gelände verlassen und in Richtung des Sees gelaufen war.
«Ich bin gleich wieder zurück. Nur eine kleine Runde», entgegnete sie.
Er nickte und sie zog von dannen.
Die Gegend in der das Bürgerhaus stand, war wirklich schön. Maria hatte während ihres Fulltime Jobs nicht viel Zeit für Spaziergänge. Und so genoss sie es, ein bisschen in der Natur unterwegs zu sein. Früher hatte sie die Weihnachtsfeiern der Firma, die meistens direkt auf den 24.12 fielen, geliebt. Man traf Kollegen, die man unter dem Jahr kaum zu Gesicht bekam. Es war meist eine gute Stimmung und die Veranstaltung war zahlreich besucht.
Doch in den letzten Monaten war ihre Vorfreude auf die alljährliche Feier gewichen. Frustration hatte sich breit gemacht. Wollte sie wirklich jedes Weihnachten mit ihren Kollegen verbringen? Betty zum Beispiel konnte sie ganz gut leiden. Dennoch war Weihnachten das Fest der Liebe. Der Tag, den man eigentlich mit seiner Familie genoss. Schuldbewusst registrierte Maria, dass sie heute völlig vergessen hatte, ihrer Schwester und den Kindern ein frohes Fest zu wünschen.

Eine Zeit lang hatte Maria das Weihnachtsfest verflucht. Wer brauchte das schon? Es reichte doch am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag kurz bei der Familie vorbeizuschauen. So machten es die Kollegen doch auch. Je mehr Zeit sie aber in oder vor allem mit der Firma verbrachte, desto leerer fühlte sie sich. Wer war sie überhaupt? Die nette Frau, die alles im Griff hatte? Warum fragte sie niemand, wie man ihr eine Freude machen könnte?
Sie hatte den See zur Hälfte umrundet, als ihr ein einsamer Wagen auffiel. Es war nicht einfach ein Auto, das jemand mitten in der Gegend vergessen hatte. Verwundert stellte sie fest, dass es sich um einen Imbisswagen handeln musste.
Der kann doch nicht ernsthaft davon ausgehen, hier überhaupt etwas zu verkaufen, schoss es ihr durch den Kopf.
Doch dann fragte sie sich, warum der Besitzer hier war. Hatte er denn keine Familie? Vorsichtig näherte sie sich dem Wagen. Die Luke war nach oben geklappt und es wirkte so, als wäre der Wagen einsatzbereit. Ein Mann drehte ihr den Rücken zu. Er hatte sie offenbar nicht gehört. Sie wollte sich gerade räuspern doch ein lautes Rufen, nein ein Schrei, kam ihr zuvor.

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Samstag, 9. Dezember 2017

5. Türchen - Der Taxifahrer



«Du bist verrückt! Du kannst doch nicht an Weihnachten in deinem Taxi sitzen und durch die verdammte Gegend fahren!»
Oh, doch das konnte er. Schließlich feierte er kein Weihnachten. Also keine Kinder, die den ganzen Abend auf ihn warteten, keine Schwiegereltern, die ihm strafende Blicke zuwarfen, wenn er doch endlich zu Hause aufkreuzte. Alles Probleme, die er nicht hatte. Und das war auch gut so. 

Nun kurvte er am Weihnachtsabend durch eine verlassene, ruhige Gegend. Eigentlich hatte er damit gerechnet, irgendwelche Partylöwen von Club zu Club fahren zu dürfen. Doch die Singles, die Weihnachten trotzten, hatten wohl ein anderes Taxiunternehmen beauftragt. Und so hatte er die Fahrgäste des heutigen Abends an einer Hand abzählen können. Angefangen bei einer älteren Dame, die gerade aus dem Urlaub gekommen war und Weihnachten gerne in den eigenen vier Wänden verbrachte, bis hin zu einer stummen Frau, die unbedingt in dieser verlassenen Gegend abgesetzt werden wollte.

Wäre es ein anderer Stadtteil gewesen, hätte er den Wunsch der Frau boykottiert. Doch heute am Weihnachtsabend würde mit Sicherheit kein Verbrechen passieren. Nicht in dieser Gegend. Außerdem wusste die Frau sicher, was sie tat, als sie ihn bat, sie an dem Waldparkplatz herauszulassen.
Nachdem sie die Rechnung bezahlt und sich verabschiedet hatte, legte er eine kleine Pause ein. Erst einmal musste er sich neu sortieren. Sein Auto war das einzige Fahrzeug, welches den Parkplatz schmückte. Die Frau war bereits gegangen. Ihre Schritte hatten sich eilig entfernt, gefolgt von seinem unsicheren Blick, ob er wirklich das Richtige tat.

«Sie müssen nicht auf mich warten. Es wird sich nicht lohnen», hatte sie entgegnet, bevor sie die Tür öffnete.
«Aber wie kommen Sie dann nach Hause?», fragte er verwundert.
«Da findet sich sicher ein Weg. Vielleicht werde ich ja abgeholt, wer weiß.»
Bei dieser Vermutung hatte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht geschlichen. Obwohl das Licht das Innere des Taxis nur spärlich beleuchtete, glaubte er es gesehen zu haben. Und er hatte ein Gespür für magische Momente. Auch wenn ihm das niemand so recht glaubte.

Die Frau hatte bezahlt, sich für die Fahrt bedankt und war gegangen.
Er atmete tief durch.
«Okay, Junge. Wenn du heute noch was einnehmen willst, solltest du langsam zurückfahren.»
Seine Freunde machten sich schon über ihn lustig, weil es häufiger vorkam, dass er halblaute Selbstgespräche führte.
Das Display des Navigationsgerätes hatte sich in den Stand-by Modus geschaltet. Als er auf das Gerät drückte, wurde der Bildschirm kurz hell, nur um sich dann gleich wieder zu verabschieden. Das brachte ihn noch nicht aus der Fassung. Seine Kollegen hatten schon häufig über die billigen Geräte der Firma gelästert.
«Nie macht es, was ich will», hatten sie gejammert.
Er glaubte, es sei bisher eine glückliche Fügung des Schicksals gewesen, dass ihm die Technik hold geblieben war.

Als er noch mal auf das Gerät tippte, wurde der Bildschirm in ein blaues Licht getaucht: No signal, please call a little bit later.
Was sollte denn der Spruch? Hatte ihm einer seiner Kollegen einen Streich gespielt? Er erinnerte sich dunkel daran, dass irgendein Informatik Student unter ihnen war.
Sofort drückte er mehrfach auf den Bildschirm. Nichts tat sich. Zum Teufel mit dem Touchscreen!, sagte er sich diesmal sogar in Gedanken. Auch als er die Knöpfe ausprobierte, tat sich nichts. 
Er zückte sein Handy. Da musste ein Anruf bei der Zentrale her. Beschämt stellte er fest, dass er ohne das Navigationsgerät den Weg nicht zurück in das Stadtzentrum finden würde. Seine Freunde hatten ihn für verrückt erklärt, als er von der Großstadt träumte.
«Du hast einen Orientierungssinn wie ein Blinder mit dem Langstock. Das kann nicht gut gehen.»
«Hey, die müssen doch auch irgendwie überleben, oder? Also werde ich das schon schaffen. Immerhin habe ich zwei Augen und ein Auto», entgegnete er stolz.
Und dann das höhnische Lachen der älteren Kollegen.
«Tja, und was machst du, wenn die Technik ausfällt, he? Orientierung muss man haben. Nicht nur auf der Straße, sondern im Leben. Und das lernt man nicht innerhalb von vier Wochen und einer App.»

Und genauso lange arbeitete er in diesem verdammten Taxiunternehmen. Dabei wollte er ja eigentlich studieren.
Was tun?, fragte er sich.
Bei der Zentrale anrufen? Nur um sich das Gelächter der Kollegen anzuhören? Wahrscheinlich würden sie ihn quer durch die Stadt jagen. Sie brauchten an Weihnachten ja auch etwas Unterhaltung. Und er wollte sie ihnen ganz bestimmt nicht bieten.
Es blieb nur eine Möglichkeit: Er musste die Frau wiederfinden. Und je länger er wartete, desto weiter hatte sie sich von dem Auto entfernt. 

Es war totenstill, als er den Weg entlang lief. Ängstlich stellte er fest, dass er nicht einmal ihren Namen kannte. Er wusste also nicht, ob oder was er überhaupt rufen sollte.
«Hallo?», fragte er leise in die Stille hinein.
Nichts tat sich.
Sein Rufen wurde lauter.
Der Weg war nur spärlich von Straßenlaternen beleuchtet. Er war überrascht, dass diese Gegend überhaupt mit Laternen ausgestattet war. Aber wenn es hier sogar einen Parkplatz gab, musste die Gegend wohl bekannt sein.
Wo war sie nur hin? So weit konnte sie doch nicht gekommen sein.
Da hörte er ein Knacken. Er fuhr zusammen und blickte in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war.
«He, Kumpel was machst du denn hier?»
Ein Junge, kaum älter als sechzehn Jahre war vor ihm aufgetaucht.
«Das Gleiche könnte ich dich fragen», gab er mutig zurück.
Der Junge wirkte dünn und alles andere als kräftig.
Den bekomme ich im Notfall auch alleine überwältigt, dachte er sich.
«Hast du eine»-
«HE, WAS MACHEN SIE DA?»

Beide Männer fuhren zusammen. Sie wussten, dass der Ruf nicht ihnen gegolten hatte.
«Das kommt von da unten», erklärte der Junge und zeigte in Richtung des Sees.
Er wollte gerade los rennen, wurde aber von dem Taxifahrer zurückgehalten. «Moment mal! Wir haben keine Ahnung, was uns da unten erwartet», überlegte er unsicher.
«Wenn wir hier warten und nichts tun, werden wir es auch nicht herausfinden», meinte der Junge genervt, machte aber keine Anstalten mehr, davonrennen zu wollen. Er verharrte auf der Stelle. So als würde ihn etwas blockieren.
Der Taxifahrer blickte in Richtung des Sees. Er lag noch gute fünf Minuten entfernt. Was sollte er tun? Konnte er überhaupt helfen?
«Was ist, wenn sie Hilfe brauchen?», fragte der Junge nach einer gefühlten Ewigkeit.
«Was soll denn schon passiert sein? Es ist Weihnachten. Da will niemand etwas Böses», sprach sich der Taxifahrer Mut zu.
«Hast du den Ruf nicht gehört? Das klang schon ... na ja ich weiß nicht ... ängstlich?», meinte der Junge.
Was war so falsch daran, unten nach dem Rechten zu sehen? Sie waren immerhin zu zweit. Und er hatte ein Auto.
«Ist mir egal, was du machst. Ich schau mir jetzt mal an, was da unten los ist.»
Der Junge hatte sich bei seinen Worten beinahe verhaspelt. So als wolle er sich noch einmal Mut zusprechen, bevor er sich ins Abenteuer stürzte. Und der Taxifahrer? Er blieb kurz stehen und wartete. Aber worauf denn? Auf die Sicherheit? Die Orientierung? Der Gedanke, der ihm schon sagte, wie die Situation zu meistern war?
«Ich habe keine Lust mehr zu warten», murmelte er und rannte dem Jungen nach.

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Freitag, 8. Dezember 2017

Literarischer Jahresrückblick beim Bücherstammtisch - Rückblick im Dezember

Foto: A. Mack

Hallo Buchlinge,

aufgrund des literarischen Adventskalenders und meines chaotischen Zeitmanagements verschiebt sich auch der Bücherstammtisch Lagebericht in diesem Monat. Dennoch möchte ich euch von unserem zweiten weihnachtlichen Treffen berichten. Denn unsere Gruppe besteht jetzt schon über ein Jahr.


Unser neues Zuhause 

Schon seit einer Weile habe ich es angekündigt: Im Dezember fand also der erste Bücherstammtisch im neuen Zuhause statt. Leider müssen wir unseren Veranstaltungsort offiziell geheim halten, da es sich hier um eine teil-öffentliche Veranstaltung handelt. Kurzum: Wir möchten ungern den Facebook-Veranstaltungs Effekt heraufbeschwören und mit der Bekanntgabe der Adresse dafür sorgen, dass unser Ort von Menschenmassen überflutet wird. Daher das kleine Geheimnis. Allerdings wird das natürlich gelüftet, wenn ihr euch für ein Bücherstammtisch Treffen anmeldet.

Was wir allerdings verraten können: Der Raum ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr gut erreichbar. Außerdem gibt es Getränke vor Ort, die durch eine kleine finanzielle Spende erworben werden können. Und natürlich haben wir das gleich fleißig genutzt.

Isona und ich hatten außerdem etwas Bedenken, ob es am Samstag überhaupt einigermaßen warm in dem Raum werden würde. Schließlich war Wochenende und der Raum wurde, außer von unserer Gruppe, nicht benutzt. Glücklicherweise wurden wir eines Besseren belehrt. Kurzum: Wir waren also sehr glücklich, unsere neuen Räumlichkeiten einweihen zu können.


Weihnachtslektüren der Bücherstammtisch Mitglieder 

Da ich mit den Bakerstreet Bookworms in den nächsten zwei Monaten in weihnachtliche Bücher eintauchen werde, interessierte mich natürlich auch, ob die Bücherstammtisch Mitglieder eine weihnachtliche Buchempfehlung für mich haben.

Isona und emion begannen daraufhin sofort von Emerald vorzuschwärmen. (Hierzu erwartet euch im Januar eine Rezension von Isona. Sie ist bereits geschrieben und muss nur noch veröffentlicht werden). Weihnachten spielt hier zwar eher eine Nebenrolle, dennoch ist die Stimmung in dem Auftakt der Bücherreihe schön.

Den meisten Stammtisch Mitgliedern ging es ähnlich wie mir. Manchmal überkam sie der Wunsch, doch etwas Weihnachtliches zu lesen. Allerdings wurde dem nicht wirklich nachgegangen. Durch die Bakerstreet Bookworms habe ich ein bisschen in Weihnachtsbüchern gestöbert und tatsächlich Lust, die ein oder andere Weihnachtsgeschichte zu lesen. Mal schauen, ob es dazu kommt.


Top und Flops 2017 

Da wir offizielle Räumlichkeiten haben, heißt das auch, dass wir wieder neue Mitglieder aufnehmen konnten. Daher war das Programm im Dezember etwas offener gehalten, um Interessierten die Möglichkeit zu geben, unseren chaotischen Haufen kennenzulernen. Eine Interessierte nutzte das Angebot und brachte auch gleich mal zwei Bücher mit, die ihr, neben den anderen vorgestellten Exemplaren, unten aufgelistet seht.

Im Dezember war wieder eine spannende Bücher Mischung für uns dabei. Unser Bücherstammtisch Neuling stellte uns eine Kurzgeschichten Sammlung von Sherlock Holmes vor. Sie beteuerte, dass es sich hierbei nicht um typische Krimis handelte. Und genau das sei gerade so verlockend an der Sherlock Holmes Reihe. Bisher habe ich mich immer etwas vor Sherlock Holmes gedrückt, weil ich befürchtete, dass die Reihe von Klischees umgeben sei. Allerdings glaube ich mittlerweile, dass ich vielleicht doch mal zu einem Krimi greifen werde.

Bücherstammtisch Mitglied Isabelle schaffte es dann unabsichtlich, mich zu verwirren. Sie stellte uns Golden Son, den zweiten Teil einer Trilogie vor. Der Auftakt der Reihe heißt Red Rising. Ich konnte mich dunkel erinnern, dass Stephen King ebenfalls ein Buch mit dem Titel geschrieben hat. Daher fragte ich sofort: "Ist die Reihe blutig?" Isabelle verneinte und war etwas erstaunt über meine Frage. Der Irrtum klärte sich übrigens erst im Nachhinein auf.

Bei der Red Rising Trilogie handelt es sich wieder um eine dystopische Geschichte. Und zwar haben die Menschen mittlerweile den Mars bevölkert. Allerdings profitieren nur eine kleine Gruppe der Menschen von dem neuen Planeten. Der Großteil der Menschen wird als Arbeiter unter der Erde gehalten und nicht darüber informiert, dass der Planet schon bewohnbar ist. Allerdings lassen sich das die Menschen auf Dauer natürlich nicht gefallen.

Isona berichtete uns den Buchmagiern. Was ihr an dem Buch besonders gut gefällt war, dass man zwar Fantasy Wesen einbringt, die in dem Genre bereits nicht unbekannt sind, es aber trotzdem schafft, neue Elemente hervorzuheben. Und natürlich spielen Bücher dabei eine große Rolle.

emion entschied sich im Dezember nicht dafür, ein Buch in zwei Kategorien unterzubringen. Ihr persönliches Jahreshighlight war Der Look von Sophia Bennett. Protagonistin Ted wird von einem Modescout entdeckt. Und das obwohl eigentlich ihre Schwester Ava viel besser für den Job als Model geeignet ist. Eigentlich hält Ted nichts von diesem schrägen Angebot. Sie soll also "den Look" haben. Doch Ava möchte, dass ihre Schwester einen Termin bei der Agentur macht. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Ich konnte mich mal wieder nicht entscheiden und brachte genau wie unser Bücherstammtisch-Neuzugang, Isabelle und Isona gleich zwei positive Jahreshighlights mit. (Keine Angst, im Jahresrückblick Ende Dezember wird es noch weitere Titel geben).

Ich stellte Was wir dachten, was wir taten von Lea-Lina Oppermann vor. Hier wird eine Schulklasse in einem Klassenraum festgehalten. Sie werden von einem Maskierten dazu gezwungen, Aufgaben zu erledigen, die die Geheimnisse der Schüler ans Tageslicht befördern. Die Autorin greift in ihrem Debüt all die Elemente auf, die mich während meiner Schulzeit beschäftigten. Und das ohne zu moralisieren.
Außerdem brachte ich Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen von Ulla Scheler mit. Hier runzelte emion die Stirn. Schließlich hatte ich das Buch doch neulich schon bei dem Treffen zum Thema beste und schlechteste Liebespaare mitgebracht. Allerdings muss ich sagen, dass mir auch hier die Handlung wirklich gut gefallen hat und Ulla Scheler sich sehr gut darauf versteht, die Beziehung der Hauptcharaktere zueinander darzustellen.

Bei den Flop Büchern war es da schon etwas schwieriger. Isona brachte das von mir erwichtelte Buch Allein unter Schildkröten mit. Hier berichtet Autorin Marit Kahldol von einem Protagonisten, der ein scheinbar perfektes Leben führt. Er hat eine Freundin, kommt in der Schule gut zurecht und arbeitet ehrenamtlich. Dennoch fühlt er sich einsam. Und genau das verstand Isona nicht. Warum fühlt man sich einsam, wenn doch alles scheinbar glatt läuft?

Ich brachte dann ein, dass ich das Element in dem Buch gerade stark finde, weil es zeigt, dass man nach außen hin oft ein anderes Bild abgibt, als es in einem aussieht. Allerdings ist ein Großteil des Buches in Tagebucheinträgen verfasst. Und Isona hätte sich gewünscht, dass dieses Element von den Tagebucheinträgen aufgefasst wird und sie die Möglichkeit hat, die Innenwelt unseres Protagonisten besser verstehen zu lernen.

Bei den Jahres Flops entschied ich mich diesmal für Sturmflimmern und Sieben Minuten nach Mitternacht. Anfang oder Mitte des Jahres bin ich ja bereits in einer Podcast Folge (die ich an dieser Stelle absichtlich nicht verlinke) schon ausführlich auf Sturmflimmern eingegangen. Es war leider eine Enttäuschung. Ich kann es nicht anders sagen.
In Sieben Minuten nach Mitternacht begegnet Conor einem Monster, das ihm drei Geschichten erzählen möchte, die ihm helfen sollen, mit Trauer umzugehen. Und leider fand ich das Monster absolut belehrend.

Besprochene Bücher in der Übersicht:
Top:
"Während die Welt schlief" von Susan Abulhawa
"Sherlock Holmes"- Kurzgeschichten
"Outlander", von Diana Gabaldon,
"Golden Son", von Pierce Brown
"Die Buchmagier" von Jim C. Hines
"Emerald - Die Chroniken vom Anbeginn" von John Stephens
"Der Look" von Sophia Bennett
"Es ist gefährlich bei Sturm zu schwimmen", von Ulla Scheler 
"Was wir dachten, was wir taten", von Lea-Lina Oppermann 

Flops: 
"Die Rebellion der Maddie Freeman" von Katie Kacvinsky
"The Cage - Entführt", von Megan Shepherd
"Allein unter Schildkröten", von Marit Kaldhol
"Die Gabe der Magie", von Melanie Bruns
"Vom Sinn des Scheiterns", von Lena Hofhansl
"Sturmflimmern", von Moira Frank
"Sieben Minuten nach Mitternacht", von Patrick Ness


Themen im Januar 

Der Termin für unser Januar-Treffen steht leider noch nicht offiziell fest. Ich warte noch auf eine Zusage. Allerdings haben wir schon zwei Themen, über die wir unbedingt sprechen wollen. Ein drittes Thema wird eventuell noch gewählt:

Gemeinsam lesen: Im Januar könnt ihr ein Buch mitbringen, das ihr gerne gemeinsam mit der Gruppe lesen möchtet. Wir stimmen dann vor Ort ab und lesen das Buch dann bis zum Juli-Treffen um dort dann darüber zu sprechen.

Bücherstammtisch Zukunft: Was wünschst du dir von dem Bücherstammtisch? Was gefällt dir bisher? Was geht dir tierisch auf die Nerven? Hast du Ideen, Vorschläge oder Kritik?

Neugierig? 

Du kommst aus Freiburg oder der näheren Umgebung und möchtest gerne (hoffentlich regelmäßig) bei unsere Bücherstammtisch Gruppe vorbeischauen?

Du kannst dich zum einen in unseren Mail Verteiler eintragen lassen. Keine Angst, hier wird dein Postfach nicht zugepflastert. Ich bin die Einzige, die über den Verteiler schreibt. Ich erinnere dich regelmäßig an die anstehenden Treffen und die Themen der Treffen. Wenn du dich in den Verteiler eintragen möchtest, schicke mir einfach eine Mail an EmmaZecka@gmx.de.

Wenn du eher der Social Media Mensch bist, kannst du auch gerne unserer Facebook Gruppe (Name: Freiburger Bücherstammtisch) eintreten. Lass dich hier aber von der Teilnehmerzahl nicht abschrecken :-).

Über beide Möglichkeiten - also Facebook Gruppe und Mail Verteiler - gibt es dieselben Informationen. Wir hoffen jedenfalls, dich bald bei einem persönlichen Treffen begrüßen zu können.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

4. Türchen - Die Frau


Es war mitten in der Nacht. Die Uhr zeigte zwar erst sechs Uhr an, aber es fühlte sich an, als würde die Welt schon längst schlafen. Gedankenverloren strich sie umher. Heute war Weihnachten, das Fest der Liebe.
Liebe... Ja, wenn das mit dem Glücksgefühl und der rosaroten Brille nur so einfach wäre. Vor einem Jahr leuchtete das Rosa noch etwas blass. Aber es war da. Inzwischen war sie von Wolke sieben wieder auf den Boden der Tatsachen angekommen. Er war mittlerweile ausgezogen und hatte eine neue Freundin. Sie hingegen war mit den beiden Kindern zurückgeblieben.

«Lass uns bitte nicht streiten. Der Kinder wegen», hatte er gefordert, als er ihr verkündete, dass ein neuer Nachwuchs anstehen würde.
Natürlich war es kein Befehl im typischen Sinne. Kein ernster Blick, keine harten Worte. Warum musste sie sich ihm anpassen? Durfte sie sich denn nicht so fühlen, wie sie wollte? Ihr war nun mal nicht nach Patchworkfamilie und Friede-Freude-Eierkuchen. Ihre Ehe war in die Brüche gegangen.
Dennoch war es ihr so vorgekommen, als zerlegte er mit einem Messer ihr schlagendes... Nein, keine Horrorbilder an Weihnachten, dachte sie. Das konnte sie sich vielleicht an Halloween in allen Einzelteilen ausmalen. Stattdessen machte sich ein Gitarren Intro in ihrem Kopf breit und das Lied einer bekannten deutschsprachigen Gruppe sollte also nun ihr neuer Ohrwurm werden.

«Wenn das mit dir so weitergeht, wäre es wirklich besser, wenn die Kinder erstmal bei mir wohnen. Bis du dein Leben wieder im Griff hast und es dir besser geht», hatte er vor zwei Wochen angemerkt.
Sie war noch im Schlafanzug gewesen und hatte sich notdürftig einen Morgenmantel übergestreift, als es an der Haustür geklingelt hatte. 
Während sie unter der Woche ihr Zimmer kaum verließ, versuchte sie sich zumindest am Wochenende dazu durchzuringen, das eigene Bett gegen das Sofa im Wohnzimmer einzutauschen. Damit die Kinder wenigstens am Wochenende etwas von ihr mitbekamen.
Sie hatte ihn wütend angestarrt. Die Kinder waren bereits am Ende des Treppenhauses angelangt und hatten so ihre zischenden Worte nicht gehört: «Wenn du das machst, dann bringe ich mich um.»

Und nun war Weihnachten, das Fest der Liebe. Die Kinder feierten bei der neuen Familie. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten und war spazieren gegangen. An diesen Ort, an dem sie so viele Sommer- und auch schon manche Winternachmittage verbracht hatten.
Heute Abend war niemand da. Sie seufzte. Was hatte sie auch erwartet? Es war Weihnachten. Und dazu noch Winter. Da verbrachte keine normale Familie ihren Abend an einem einsamen, kalten See. Normale Familien saßen jetzt in heimischen Wohnzimmern. Die Kinder spielten mit den neuen Geschenken, die Eltern und andere Verwandten lehnten sich müde aber hoffentlich glücklich zurück und freuten sich, dass alles nach Plan gelaufen war.

Das letzte Mal, als sie mit ihren Kindern hier her gekommen war, hatte man auf dem See laufen können.
«Das macht Spaß, komm rauf!», rief die Älteste.
Und tatsächlich! So waren sie über den See geschlittert, hatten sich gejagt und ausgelassen gespielt. Damals war es lang genug kalt gewesen. Das Eis war bereits ausreichend gefroren und somit ging von dem See keine Gefahr aus.
Und heute? Ein «Betreten verboten»- Schild war nicht zu sehen. Verstohlen blickte sie sich noch einmal um. Nein, sie war tatsächlich alleine. Sollte sie es wirklich wagen? Was wäre, wenn ihr etwas passieren würde? Niemand wusste, wo sie war. Keiner konnte sie retten. Doch gab es überhaupt jemanden, der das wollte? Sie glaubte, allen nur noch eine Last zu sein. Ihr Mann, Verzeihung Ex-Mann, musterte sie traurig, wenn er regelmäßig vorbeikam, um nach den Kindern zu sehen. Und auch ihre Mädchen warfen ihr aus den Augenwinkeln ängstlich, besorgte Blicke zu. Die Mädchen dachten vermutlich, sie könne die Blicke nicht sehen. Aber sie spürte sie. Stärker als alles andere.

Und das tat weh. Fast noch mehr als die Zerteilung ihres Herzens.
Ihr Blick war wieder auf den See gerichtet und sie fasste einen Entschluss: Sie wollte noch einmal dieses Glücksgefühl spüren, das sie mit ihren Kindern hier erlebt hatte.
Also setzte sie vorsichtig einen Fuß auf den zugefrorenen See. Als nichts passierte, legte sie nach und tastete sich langsam vor. Sie war noch nicht weit gekommen, als das Eis zu knacken begann.
«HEY, WAS MACHEN SIE DA?», drang ein lauter, schriller Ruf in ihre Richtung.
Und das Eis knackte und knackte.

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Mittwoch, 6. Dezember 2017

Leere Herzen

Bild von der hörverlag
Steckbrief

Name: Leere Herzen (auch als Buch erhältlich)
Autor: Juli Zeh
Geeignet für: Menschen, die gerne gesellschaftskritische Romane lesen, oder die Psychothriller mögen
Gelesen oder gehört: gehört als gekürztes Hörbuch
Sprecher: Ulrike C. Tscharre
Bewertung: 3,5 von 5 Punkten


Klappentext

(von der hörverlag)

"Sie sind desillusioniert und pragmatisch. Sie haben den Zynismus der Politik genauso durchschaut wie den modernen Selbstoptimierungswahn oder das kleinbürgerliche Gutmenschentum. Sie haben sich in der Welt erfolgreich eingerichtet – und sie haben keine Lust, deswegen Schuldgefühle zu haben. Zusammen mit dem Informatikgenie Babak Hamwi hat Britta Söldner eine kleine Firma aufgezogen, die beide reich gemacht hat. Hinter der Fassade ihrer unscheinbaren Büroräume aber betreiben Britta und Babak ein lukratives Geschäft mit dem Tod. Als ihr Unternehmen unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald ist nicht nur Brittas Firma in Gefahr, sondern auch ihr Leben …"


Meine Meinung 

Unterleuten war das erste Buch von Juli Zeh, das ich gelesen habe. Und es hat mir wirklich gut gefallen. Sie verstand sich gut darauf, Handlungsstränge zu verstricken und Spannung aufzubauen. Daher war ich ziemlich gespannt, wie sie Leere Herzen gestaltete. Ich muss gestehen, dass ich etwas blind in die Geschichte gestolpert bin. Ich las nur Juli Zeh und den Titel, hörte mir vorab aber weder die Hörprobe an noch las ich den Klappentext des Buches. 

Gestaltung 
Das Hörbuch wird von Ulrike C. Tscharre gelesen. Ihre Stimmfarbe gefällt mir wirklich gut. Außerdem hat sie der Geschichte den richtigen Unterton verpasst. Allerdings hat das auch dafür gesorgt, dass ich ziemlich genau zuhören musste, um keine Anspielung zu verpassen. Dank dem ein oder anderen Nebencharakter konnte sie auch ihre Vielfältigkeit unterstreichen. So wurden beispielsweise lautes Kinder Schreien oder Dialektkenntnisse verlangt. Gerade letzteres hatte einen unfreiwillig komischen Beigeschmack, trotz der ernsten Thematik. Ulrike C. Tscharre kommt auf meine "Im Ohr behalten"-Hörbuchsprecher Liste. 

Inhalt 
Inhaltlich geht es hier ziemlich zur Sache. Britta und Babak, beste Freunde, betreiben eine Agentur. Eine Firma, die assistierten Suizid betreibt. Aber das nicht etwa, indem man den Betroffenen ein tödliches Medikament verschafft. Ihr Tod soll einer Organisation nützen. Und damit diese Organisation gut ausgebildete Leute bekommt, haben Britta und Babak ein Trainingsprogramm entwickelt, das es in sich hat. 

Das ist nun der erste Handlungsstrang. Allerdings deutet Juli Zeh hier auch etwas Höheres an. Sie kritisiert nicht nur die momentane politische Lage, die sie aber nur in Ansätzen schildert, sondern wendet sich auch dem Prinzip der Leeren Herzen zu. Britta wirkt emotionslos und kalt. Mit ihrer Familie kann sie nichts anfangen. Sie glaubt, nur mit Gewalt etwas im Leben erreichen zu können. Man könnte fast vermuten, dass sie auch etwas frustriert von der Entwicklung der Welt ist. Dann taucht eine Organisation auf, die Britta auf eine harte Probe stellt: Sie muss nicht nur ihre eigene Firma retten, sondern sich auch überlegen, was sie von ihrem Leben möchte. 

Nun noch zu der oben angedeuteten politischen Lage: Zuerst hat mich Juli Zeh ordentlich verwirrt. Es ist nicht so, dass ich ein grandioses politisches Verständnis habe. Allerdings sind mir einige Grundlagen bekannt. Und so war ich wirklich verunsichert, als Juli Zeh politische Gegebenheiten schildert, die in der Realität nicht zutreffen. Und das obwohl unsere Protagonisten in einem scheinbar realistischen Deutschland leben. Also ohne Sciene-Fiction oder dystopische Elemente. An dieser Stelle war mir klar, dass wir uns doch in naher Zukunft befanden und somit ein bisschen Dystopie vorhanden war.

Was mich störte war, dass Juli Zeh viele politische Probleme andeutet, diese aber nicht konsequent und detailliert beschreibt. Zum einen ist das natürlich verständlich, da sie sich hier auf dünnes Eis begibt und es ja letztendlich um eine fiktive Geschichte und nicht um eine politische Diskussion drehen soll. Andererseits haben mich diese politischen Andeutungen irgendwann auch genervt. Das ist ungefähr, wie das Sahnetorten-Beispiel: Jemand läuft mit einer Sahnetorte an dir vorbei, verrät dir aber weder, wie du eine Sahnetorte machst, noch wann du sie probieren darfst.

Als die Geschichte dann auf ihren Höhepunkt zuläuft, bekommt die Politik noch eine wichtige Bedeutung. Und Britta trifft eine Entscheidung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann und die mich mit vielen Fragezeichen zurückgelassen hat. Dennoch würde ich nicht behaupten, dass der Inhalt völlig daneben ist. Ich kann ihn einfach nur absolut nicht einordnen. 

Spannung 
Der Aufbau des Spannungsbogens konnte mich hier nicht ganz packen. Ich konnte lange keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen des Romanes feststellen. Sie bauten für mich nur bedingt aufeinander auf und zeigten eher Momentaufnahmen von den Charakteren. Mir war beispielsweise nicht klar, welche Zeitspanne zwischen den einzelnen Szenen liegt. Und gerade zu Beginn hatte ich den Eindruck, dass der Anfang mehr im Schnelldurchlauf erzählt wird, um noch mehr Luft für den Hauptteil bzw. das Finale zu haben.

Allerdings habe ich das Hörbuch auch in einer gekürzten Version gehört. So habe ich in einer anderen Rezension gelesen, dass Brittas Privatleben im Buch viel Raum einnimmt, was mir bei dem Hörbuch überhaupt nicht so vorkam. Es wurden immer wieder Szenen aus dem Privatleben geschildert. Diese reichten aber vollkommen aus, um einen Blick für die private Britta zu bekommen.
Ich hätte mir hier insgesamt einen fließenderen Übergang zwischen den einzelnen Szenen gewünscht. 

Schreibstil 
Leere Herzen konnte ich nicht in einem Rutsch herunterlesen. Das liegt einfach daran, dass Juli Zeh viele Anspielungen verpackt und ich diese erst einmal richtig sortieren musste. Juli Zeh hat einen angenehmen Schreibstil, der die kritischen Elemente des Buches auch wunderbar hervorhebt. Außerdem konnte ich viel über Britta zwischen den Zeilen erfahren. Und ich hätte absolut nicht gedacht, dass der Titel Leere Herzen zum einen so gut zur Geschichte passt und zum anderen bildlich so gut in der Geschichte dargestellt werden kann. 

Gesamteindruck 
In Leere Herzen begegnet uns Kritik an jeder Ecke. Damit hätte ich absolut nicht gerechnet. Ich hatte hier und da den Eindruck, dass sich Juli Zeh etwas verzettelt. Da hätte ich mir gewünscht, dass sie sich auf eines der vielen angesprochenen Themen festlegt und dieses auch konsequent durchzieht, anstatt viele Fässer aufzumachen. 

Ich würde nicht sagen, dass Leere Herzen eine negative Überraschung war. Ich kann das Hörbuch nur absolut nicht einordnen und zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wirklich sagen, ob es mir gefallen hat oder nicht. Wer auf gesellschaftskritische Bücher steht und kein Problem damit hat, sich mit Themen wie Suizid zu befassen, sollte sich Leere Herzen mal genauer anschauen. Ansonsten: Lest es schon allein deswegen, damit wir darüber diskutieren können. 

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* Dieses Hörbuch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt


Und du? 

Ich habe Redebedarf und möchte dir daher ein paar Fragen zum buch stellen. Da einige Antworten auf die Fragen Spoiler enthalten, möchte ich dich bitten, die Spoiler in deiner Antwort zu markieren, damit kein Leser später eine böse Überraschung erlebt, wenn er die Kommentare liest.

1. Hast du das Buch gelesen?
2. Wie hat es dir gefallen?
3. Was hältst du von Brittas Entscheidung?
4. Was hältst du von Juli Zehs Element der Leeren Herzen?


Dienstag, 5. Dezember 2017

3. Türchen - RumtreiBär

Weihnachten ist auch nur ein Tag, wie jeder andere. Morgen benötige ich ebenfalls einen Schlafplatz und etwas zu essen. Irgendwo, wo mich keiner stört. Am liebsten würde ich mich in einem Laden einschließen lassen. Aber meistens fliege ich dann doch auf. Entweder sie erkennen meinen Geruch oder sie gehen bei der letzten Runde zu gründlich vor. Dabei lege ich großen Wert darauf, keinen Ärger zu machen. Sie können ja auch nichts für meine Lage.
«Kommst du morgen auch mit? Es gibt bestimmt wieder gutes Essen?», wurde ich von meinem Kumpel gefragt.
Wir saßen an einer der Nebeneinkaufsstraßen. Zu abseits um den Polizisten aufzufallen, aber immer noch zentral genug um doch etwas Geld abzweigen zu können. Klauen war nicht unser Stil. Soweit waren wir noch nicht gesunken.

Meist beherrschte er den treuen Blick und ich verwickelte potentielle Interessenten dann in ein Gespräch und erzählte ihnen von unserem Leben.
Wenn sie uns kein Bargeld da ließen, kauften sie uns meist etwas vom Bäcker um die Ecke. Und das stellte uns schon völlig zufrieden. Wir führten ein einfaches Leben. Es war okay, nicht übermäßig toll, aber in Ordnung.
«Hast du die ganzen Säufer vergessen? Ich hab dieses Jahr keine Lust schon wieder von irgendwem dumm angemacht zu werden. Das ist es mir echt nicht wert», murrte ich.
«Ach, komm schon. Es ist doch gar nicht so schlimm. Nach einer halben Stunde sind sie doch sowieso meistens wieder weg.»
Ja, nur um draußen in einer dunklen Ecke auf uns zu warten, dachte ich. Jedes Jahr das Gleiche. Als sie uns letztes Jahr beinahe windelweich geprügelt hätten, habe ich mir geschworen, dass dieses Jahr alles anders kommen wird. Wo ich Weihnachten stattdessen verbringen wollte? Ich hatte absolut keinen Plan. Aber das war auch das Verlockende an meinem Leben. Verzeihung, unserem Leben.
«Ich hab dir doch gesagt, wir feiern dieses Jahr woanders», erklärte ich ausweichend.
«Und wo zum Henker? So viele Möglichkeiten haben wir leider nicht, mein Freund.»
Er blickte traurig zu Boden.

Seine Eltern hofften immer noch darauf, dass er zumindest an Weihnachten nach Hause kommen würde. Meine hatten die Hoffnung schon längst aufgegeben. Wenn ich ihnen doch zufällig einmal über den Weg lief, wichen sie meinem Blick aus. So als wäre es ihnen peinlich, den eigenen Sohn am Straßenrand sitzen zu sehen. Dabei tat ich nichts Unrechtes. Ich beklaute keine Menschen, besetzte keine Häuser und besoff mich nicht. Obwohl ich schon oft mit dem Gedanken gespielt hatte. Im Winter war mir dann zumindest warm. Aber der Alkohol vernebelte das Gehirn. Und ich brauchte meine grauen Zellen. Denn es gab genug Feinde auf der Straße.
«Lassen wir uns überraschen. Irgendetwas wird sich schon finden», antwortete ich.
«Das sagst du immer», seufzte er.
«Dann schlag was vor», konterte ich.
«Heilsarmee willst du nicht, die Kirche geht auch nicht», überlegte er weiter.

Wir schwiegen und ließen die Menschen an uns vorbeiziehen. Sie hetzten durch die Straße, auf der Suche nach den letzten Weihnachtsgeschenken. Es war schon eine Ewigkeit her, als ich das letzte Geschenk bekommen hatte. Ich konnte mich aber noch genau daran erinnern. Es war ein Bilderrahmen gewesen. Und der Kommentar dazu, ärgerte mich heute noch: «Picasso braucht ja ordentliches Werkzeug.»
Werkzeug, Pah! Wie zum Henker sollte ich diesen bescheuerten Rahmen füllen, wenn ich kein Geld für ordentliche Stifte und Papier hatte? Das war Werkzeug, das ich wirklich gebrauchen konnte. Aber dafür musste ich natürlich selbst aufkommen.
«Wer Künstler sein will, der muss auch was dafür tun. Wir können dich nicht dein Leben lang durchfinanzieren, Junge.»
Der Rahmen war wohl ihre Art der Motivation. Wenn du dich anstrengst, wirst du ihn irgendwann füllen können, hatte ich mich damals beruhigt. Sie hatten eben noch nie verstanden, was ich wirklich wollte.
Und aus diesem Grund war ich ausgezogen. Sie konnten mich nicht mehr durchfinanzieren? Dann würde ich eben selber schauen, wie ich im Leben klar kam. Und bisher klappte es wirklich gut.
«Ich muss dann mal los.»
Er stand langsam auf. Ich ahnte, dass er doch noch auf eine Lösung von mir hoffte. Aber ich hatte keine. Und als ich das mit meinem Schweigen bestätigte, schien er es zu verstehen. Denn er kam in Bewegung.
«Wir sehen uns dann später», verabschiedete ich ihn.

Nach einer Stunde vergeblichen Wartens hatte auch ich unseren Stammplatz verlassen und schlich durch die Straßen. Ich mochte die allabendlichen Touren. Vorbei an Läden, die ich früher häufiger besucht hatte. Am Tag vor Weihnachten hatte ich nur ein Ziel: der Spielzeugladen. Der Laden meiner Träume. Zumindest in meiner Kindheit. Ich beobachtete das Treiben aus sicherer Entfernung. Schließlich wollte ich niemanden verschrecken. Ein Junge, der auf der Straße lebt, macht objektiv betrachtet nicht unbedingt einen guten Eindruck auf Eltern, die einfach nur mit ihren Kindern einkaufen möchten. Das war mir schon klar. 

Im Laden war einiges los. Kinder beäugten staunend die Regale, nahmen einzelne Spielsachen heraus und untersuchten sie genau. Entweder waren ihre Eltern damit beschäftigt, ihre Sprösslinge zu bewachen und gelegentlich ängstliche Kommentare von sich zu geben – ich konnte sie hier draußen natürlich nicht hören, dachte mir anhand der kritischen Gesichtsausdrücke aber die entsprechenden Dialoge – oder sie blickten abwesend auf ihr Smartphone und schenkten ihren Kindern nur wenig Beachtung. 
Ein Mädchen verließ leise den Laden. In der Hand hielt sie einen Bären. Ich schmunzelte. Er war aus der kreativen Bärenabteilung. Die mit den komischen Namen. Wenn uns nach Flachwitzen zumute war, schlichen wir manchmal hinein und lasen die neusten Ausgaben. Mein Highlight war der RumtreiBär. Früher hatte ich mir einen echten Bären gewünscht. Andere Jungs in meinem Alter hatten Hunde. Warum also sollte ich nicht einen Bären haben? Mein Vater hatte nur gelacht und mich gefragt, ob ich verrückt geworden sei. Wenn ich heute darüber nachdenke, war seine Reaktion wohl verständlich.

Das Mädchen blieb unsicher vor dem Laden stehen und blickte sich suchend um. Wo waren ihre Eltern? Keiner war so verrückt, sein Kind alleine in einen Spielwarenladen zu schicken. Such dir was aus hat noch nie irgendwo funktioniert, schoss es mir durch den Kopf.

Das Mädchen setzte sich auf die Stufen an der Eingangstür und blickte den Bären fragend an. Nach ein paar Minuten stand sie auf und lief die Straße entlang. Ich wartete kurz. Niemand schien ihr zu folgen. Ich konnte nicht genau sagen, wie alt sie war. aber eins war mir klar: ZU jung, um alleine an einem Winterabend durch unsere Innenstadt zu streifen. Also heftete ich mich an ihre Fersen.
«He, was machst du hier?»
Ängstlich blickte sie mich an.
Wunderbar, Junge! Jetzt auch noch keine Kinder verschrecken. Du hast es wirklich weit gebracht in deinem Leben. Man kann es nicht anders sagen. 
«Keine Angst, ich tu dir nichts», erklärte ich schnell und ging demonstrativ ein paar Schritte zurück.
«Das hat er mir auch gesagt. Aber meine Mama hat gesagt, ich darf nicht mit Fremden reden», antwortete sie leise und blickte zu Boden.
«Wer, er?», fragte ich irritiert.
«Na, er hier!»
Zur Bestätigung hielt das Mädchen den Bären in die Höhe. Ich lächelte. Sie hatte sich für den SauBären entschieden. Das Kind hatte Geschmack.
«Wo ist denn deine Mama?», fragte ich vorsichtig. 
Die Straße war verlassen. Niemand schien die skurrile Szene aufzufallen. Ein Junge, dem man wahrscheinlich nicht über den Weg traute und der gerade versuchte ein kleines Mädchen in ein Gespräch zu verwickeln. Normalerweise würden sich Passanten einschalten, oder? Mittlerweile war ich mir nicht so sicher. Am Tage vor Weihnachten war doch im Grunde nur jeder mit sich selbst beschäftigt.

«Sie kommt bestimmt gleich. Er hat gesagt, ich muss auf sie warten. Aber mir ist so langweilig», antwortete das Mädchen schließlich.
«Hat sie dir auch gesagt, wo du warten sollst?», fragte ich alarmiert. Ihre Mutter würde sie nie im Leben finden, wenn sie eine Tour durch die Stadt machte. Sie schüttelte den Kopf.
Na, toll! Perfekt! «Wie heißt du denn?», fragte ich weiter.
Ich hätte sie im Grunde gleich nach ihrer Adresse fragen und zu Hause abliefern sollen. Obwohl diese Idee so dermaßen naheliegend war, fiel sie mir in diesem Moment nicht ein. Und das war auch gut so. Denn sonst hätte sich mein Leben wohl nie geändert. Und das alles hatte ich nur unserem Weihnachtsfest zu verdanken. 
«Mama sagt, ich darf das nicht verraten», antwortete sie bestimmt, nachdem sie dem Bär einen fragenden Blick zugeworfen hatte.
«Ich bin der RumtreiBär», kam es wie aus der Pistole geschossen. 
Keine Ahnung, warum ich dem Mädchen diese Geschichte auftischte. Aber sie kicherte.
«Ein lustiger Name», entgegnete sie.
«Dann lass uns mal einen sicheren Ort suchen, an dem wir beide bleiben können», meinte ich. 

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Montag, 4. Dezember 2017

Lesemarathon November

Foto: A. Mack
Hallo Buchlinge,

im Dezember ist es hier etwas chaotisch. Zu 99% bekommt ihr nur Adventskalender Geschichten zu lesen. Und aus diesem Grund hat sich der Lesemarathon auch etwas verschoben. Skyara und ich halten wieder die Stellung, während emion und Isona für das große Finale Anfang Januar trainieren. Es wird Buchlinge, es wird...

Und wenn ihr euch jetzt eigentlich fragt, welche Gaudi ihr verpasst habt und wer hier eigentlich mitmischt, könnt ihr euch HIER durchlesen, wie alles begann.


Emmas Fazit im November 

Stand: 30.11.17

Gelesene Seiten / gehörte Tracks: vier Hörbücher und 62 Seiten
Gelesene Zeit: 29 h 25 min

Coolster Charakter des Monats: Tja, Buchlinge, ich glaube diesmal wird es etwas klischeehaft. Und zwar nominiere ich America Singer, die weibliche Protagonistin aus der Selection Reihe. Sie muss an einem Casting teilnehmen, um ihre Familie vor der Armut zu retten. Allerdings lässt sie sich weder von den anderen Kandidaten, noch von dem zu erobernden Prinzen beeindrucken. Sie bleibt sich selbst größtenteils treu. Und ich hoffe, das bleibt auch in den Folgebänden so.

Schönster Handlungsort: Früher, sehr, sehr viel früher, als meine Prinzessinnen Phase noch aktiv ausgelebt wurde - also zu Kindergarten Zeiten - hätte ich hier ohne zu überlegen den Königlichen Palast, den Haupthandlungsort von Selection nominiert. Aber da ich mich ungern in dystopischen Welten aufhalte, weiß ich nicht, ob das so gut passt. Allerdings sind meine andere Handlungsorte auch nicht viel besser. Zum einen habe ich mich eine Zeit lang im Warschauer Ghetto befunden, bin mit Hape Kerkeling den Jakobsweg entlang gewandert und war mit Joy Fieldings Charakteren auf der Suche nach einem Mörder.

Bester Plot: Das ist so schwierig, von einem besten Plot reden zu müssen, wenn 1 1/2 der vier beendeten Hörbücher Biografien waren. Schließlich kann niemand den Plot seines Lebens bestimmen. Oder etwa doch? Dennoch nominiere ich hier Hape Kerkelings Ich bin dann mal weg, weil er in Tagebuch Einträgen verpackt, seine Reise auf dem Jakobsweg schildert. Die Rezension bekommt ihr übrigens im Januar zu lesen.

Der beste Satz des Monats (natürlich mit Quellangabe)

"Verdammt, dieser Mann würde Ironie nicht einmal erkennen, wenn sie ihn in den Hintern beißt?"
(Verdammt, ich mag dieses Zitat, bin mir aber nicht mehr sicher, ob es von Solange du atmest oder doch von Selection stammt).

"War das wirklich nötig?"
"Wahrscheinlich nicht", sagte Melanie "aber es hat einen Heiden Spaß gemacht."
Solange du atmest von Joy Fielding

"Aber Gott hat den Wodka für alle geschaffen."
Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki

"Nichts auf der Welt macht mich hilfloser."
Und das war der Mann, der unser Land führen sollte.
Selection Band 1 von Kiera Cass

"Was für ein absurder Moment um erkannt zu werden. Ich hätte mich selbst nicht erkannt."
Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling

"Es ist gut zu wissen, wer man ist."
Ich bin dann mal weg, von Hape Kerkeling

"Es ist keine Frage der Zeit, wo man sich zu Hause fühlt."
Ich bin dann mal weg, von Hape Kerkeling

"Ich sage das, was nötig ist, aber nicht mehr."
Ich bin dann mal weg

"Es gibt alles, aber davon nicht genug."
Leere Herzen von Juli Zeh

Deine Eindrücke: Mittlerweile habe ich wirklich eine Routine gefunden. Sowohl im Lesen als auch im Lesemarathon Beitrag vorbereiten. Da ist es fast schon etwas traurig, dass das Jahr nun zu Ende geht. Allerdings werden Elemente des Lesemarathons nächstes Jahr im Monatsrückblick zu finden sein.

Ich bin sehr glücklich, dass ich meine selbst gesteckte 50-zu-lesende-Seiten Marke in diesem Monat wieder geknackt habe. Die Schriftart im aktuellen Buch ist gerade wieder sehr klein. Aber die Geschichte ist echt schön. Mein Ziel ist es, das Buch noch im Dezember zu beenden. Ich hoffe, ich bekomme es hin. Mir fehlen nämlich noch jede Menge Seiten.


Skyaras Lesemonat vom November

Gelesene Seitenzahl: 356 + 279 + 361 + 353 = 1.349 Seiten
Davon Gelesene Zeit: ca. 18 Stunden
Da es meistens Hörbücher ohne Track-Unterteilung waren habe ich keine Track-Anzahl!
Gehörte Zeit: 45 Stunden, 31 Minuten
Gesamt Gehört/Gelesen: ca. 63 Stunden , 31 Minuten

In meinem letzten Monat habe ich gleich 4 Bücher der Gestaltwandler-Serie von Nalini Singh geschafft. Und dann bekam ich die Möglichkeit Selection von Kiera Cass zu hören. Ja alle 3 Bücher allein als Hörbuch… 
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur Qualityland als Hörbuch gehört. So langsam habe ich Gefallen daran gefunden Hörbücher zu hören. Ich lese immer noch gerne und bevorzuge das geschriebene Wort vor allem in Bett ;-D

Der Satz des Monats: 

Mit einem Lächeln ließ sie sich zurück in die Kissen fallen und schlief weiter.“ 
Der letzte Satz aus „Im Feuer der Nacht“ von Nalini Singh. Ich fand dies einen ziemlich guten letzten Satz eines Buches. Ich bin eine verkappte „Ein Buch muss ein gewisses Happy End haben!“ Leserin. Und genau solch ein Ende ist dieser Satz. Dieser Satz hat mir so gut gefallen, weil er nicht nur ein positives Ende für dieses Buch beherbergte, sondern einen auch dazu bringt das nächste Buch mit Vorfreude zu erwarten. Und das ohne auf heißen Kohlen zu sitzen, bis es soweit ist.

Meine liebste Figur ist Sascha Duncan aus der Gestaltwandler Reihe von Nalini Singh. Sie ist eine unglaublich starke Frau, mit sehr viel Gefühl. Sie macht in all den bisherigen Bänden immer wieder forstschritte mit Ihren Gaben und Ihren Gefühlen. Sie hat Charme und Witz.

Einen Plot welcher mir am besten gefällt kann ich irgendwie nicht angeben. Mir gefallen zwar die Geschichten von Nalini Singh wirklich sehr gut und ich bleib dabei das mir der Plot der Gestaltwandler wirklich sehr gut gefällt. Ich weiß nur nicht ob ich Ihn wirklich als besten Plot bezeichnen möchte oder kann, da ich ja nur ein anderes Buch hatte welches ich zum Vergleich heran ziehen kann. Dieses ist aber nicht wirklich vergleichbar, daher mein zögern

Der schönste Handlungsort ist eindeutig das Baumhaus von Clay, aus „Im Feuer der Nacht“. Er hat ein ganz großes Haus in den Bäumen, in dem er auch richtig lebt (so ähnlich wie alle anderen Gestaltwandler-Leoparden). Also ein Baumhaus in dem man richtig wohnt. So was ist wirklich ein Traum von Haus. So eines würde ich mir auch wünschen….

Insgesamt habe ich somit fertig gelesen: 
„Eisige Umarmung“, 
„Im Feuer der Nacht“, 
„Gefangener der Sinne“ und 
„Sengende Nähe“ alle sowohl gelesen als auch gehört von Nalini Singh und gesprochen von Elena Wilms. 
Desweiteren gehört „Selection“, „Selection – Die Elite“ beide von Kiera Cass und gelesen von Friederike Wolters.

In meiner Vorschau: Natürlich noch den letzten Teil hören von „Selection“ und auch der Rest der Gestaltwandler-Serie von Nalini Singh. ;-)

Und jetzt wird es Zeit mich für den letzten Monat noch einmal ran zu halten…. Bin gespannt ob ich etwas mehr schaffe, auch wenn der Dezember bereits sehr stark verplant ist….

Sonntag, 3. Dezember 2017

2. Türchen - Das Mädchen

«Komm, wir fahren heute in die Stadt», verkündete ihre Mutter beim Frühstück. 
Sie war irritiert.
Ihre Mutter fuhr nie einfach so mit ihr in die Stadt. Da war irgendetwas faul.
«Du musst doch noch etwas finden, was dir der Weihnachtsmann schenken kann», flötete sie.
Der Weihnachtsmann...
Dabei sagten alle in der Schule, dass es den Mann überhaupt nicht gab. Warum sollte er ausgerechnet ihr etwas schenken wollen? Aber bisher hatte es ja auch immer geklappt.
Meist war nie an ihrer Haustür geklingt worden, sodass sie den Teller voller Kekse selbst essen und die Milch alleine trinken musste. Aber Geschenke hatte es immer gegeben. Dabei hatte das mit der Milch und den Keksen in diesen Filmen immer funktioniert. 

«Kann ich ihm nicht einen Brief schreiben? Timmy, der Junge in meinem Buch hat ihm auch geschrieben und der Weihnachtsmann hat ihm geantwortet», schlug sie ihrer Mutter vor.
«Na, das hättest du mal früher sagen sollen. Wir sind viel zu spät dran. Der Brief ist nie im Leben rechtzeitig bei deinem äh ich meine dem Weihnachtsmann. Da ist es besser, wir gehen in die Stadt und du suchst dir was aus.»
Sie traute sich nicht zu fragen, wie der Weihnachtsmann dann erfahren sollte, was sie sich denn ausgesucht hatte, wenn es zu spät war, ihm Bescheid zu geben. Aber sie beschloss, dass es besser war, ihrer Mutter zu vertrauen. Immerhin war Weihnachten bereits morgen. Und es hatte immer funktioniert. Immer!

Den Laden, den die beiden ansteuerten, leuchtete schon von weitem. «Kinderparadies» prangte auf den bunten, blinkenden Buchstaben über der Eingangstür. Als sie eintraten, wurden sie von warmer Luft, Plätzchenduft und lauten Kinderrufen umhüllt. Sekunden später folgte das Geschrei und genervte Rufen der Eltern.
«Na los, lass dich von ihnen nicht ablenken», erklärte ihre Mutter aufmunternd und schob sie in Richtung der Regale, die voller Spielsachen waren.

Hier sammelten sich die verschiedensten Spielsachen. Eine Regalreihe war voller Kuscheltiere. Bären, Elche, Schafe. Sie war zu alt für solche Begleiter, entschied sie und ging eine Regalreihe weiter. Dort erwarteten sie Puppen aller Art. Große, kleine, in Prinzessinnenkleider oder im Cowboy Kostüm. Alle ein Strahlen im Gesicht.
Maria-Luisa hatte immer eine Puppe dabei. Niemand durfte mit ihr spielen, weil die Puppe nicht dreckig werden sollte. Maria-Luisa überlegte es sich aber ganz schnell anders, wenn ihr ein Handel vorgeschlagen wurde. Manchmal trug jemand ihre Schultasche. Andere Mädchen erledigten ihre Hausaufgaben. Alle wollten so eine Puppe haben. Nur sie nicht. Maria-Luisa war gemein. Und diese Puppen erinnerten sie daran.
Schnell schlich sie in Regal weiter.

«Hast du schon was gefunden?», fragte ihre Mutter, die wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war.
Doch bevor sie eine Antwort geben konnte, hörte sie das altbekannte Singen «Ring, ring, ring, ring, Banaphone».
«Oh Gott, hast du etwa wieder mit meinem Handy...»
Doch den Satz brachte sie nicht zu Ende, weil sie damit beschäftigt war, ihre Handtasche nach dem klingelnden Telefon abzusuchen. Als es schließlich gefunden war, rief sie: «Ich hab dir doch gesagt, dass wir in die Stadt gehen und ein Geschenk suchen. Nein, ich habe heute wirklich keine Zeit.»
Sie warf ihrer Tochter einen entschuldigenden Blick zu und verschwand in eine einigermaßen ruhige Ecke, in der sie das Gespräch fortsetzen konnte.
Das Mädchen durchstreifte den Laden und fand keinen Gefallen an den Spielsachen. Noch vor einem Jahr hatte sie sich nicht entscheiden können. Ihre Mutter musste sie mehrmals daran erinnern, dass der Weihnachtsmann nur einen Wunsch erfüllen konnte. Wenn denn alle Kinder so viele Dinge haben wollten, wäre er nur damit beschäftigt, Geschenke auszuliefern. Dem Mädchen war nicht so recht klar, was so schlecht an der Vorstellung sein sollte.
Doch heute war nichts Tolles dabei.
«Mama, können wir in einen anderen Laden?»

Sie blickte in die Ecke, in der ihre Mutter gerade noch gestanden hatte. Doch sie war leer. Suchend blickte sie sich um. Doch ihre Mutter war nirgends zu sehen. Normalerweise war ihre Mutter kaum zu überhören, wenn sie telefonierte. Doch auch ihre Stimme konnte sie weit und breit nicht hören. Sie musste sich eingestehen, dass ihre Mutter verschwunden war.
Sie kann mich doch nicht einfach vergessen haben?, dachte das Mädchen ängstlich. Die Fahrt zu dem Laden hatte mit dem Auto eine halbe Stunde gedauert. Das Mädchen war nicht oft alleine unterwegs. Sie würde den Weg nach Hause nicht finden.
Sie kommt sicher gleich wieder, dachte sie und ging wieder zu der Regalreihe mit den Kuscheltieren.
Sie waren alle so weich. So ein Bär wäre doch eine Idee. Vielleicht würde er sich nachts in einen echten Bären verwandeln und sie dann vor den bösen Geistern oder gemeinen Kindern in der Schule beschützen.
Die Bären trugen alle eine Schürzte auf der Namen geschrieben standen: BeschützBär, SauBär, StoiBär, AngeBär, BromBär,... Wie sollte sie sich da nur entscheiden?
«Nimm mich, Mihihich! Bitte!», brummte einer der Bären leise.
Doch es war kein wirkliches Brummen. Es klang leise, hoch und unsicher. Als wüsste der Bär nicht wirklich, ob es eine gute Idee war, sich zu Wort zu melden. Aber dennoch war der Wunsch da, ein neues Zuhause zu bekommen. Sie blickte in die Richtung aus der der Ruf gekommen war. Ein Bär, dessen Schürze verknittert war, strahlte sie an.
«Ich bin SauBär», kam es aus seinem Mund. 
«Du siehst aber gar nicht so aus», kicherte das Mädchen.
Es war schon lange her, dass ein Tier mit ihr gesprochen hatte. Schnell blickte sie sich um. Niemand hörte ihnen zu. Der Laden war voll lärmender Menschen.
«Komm, lass uns draußen warten», meinte das Mädchen, nahm SauBär aus dem Regal und schlich sich mit ihm in Richtung Tür.

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Freitag, 1. Dezember 2017

1. Türchen - Wie Australien

«Was für eine Kälte! Da geht nichts über eine ordentliche Currywurst. Also, halt dich ran und brat mir mal eine», lachte der altbekannte Stammgast und schlug um seine Aussage zu bekräftigen, auf den Tresen.

Nun hing es ganz von Norbert ab, wie diese Szenerie endete.
An guten Tagen stimmte er in das Lachen mit ein und hatte keine Mühe Smalltalk mit dem treuen Kunden zu führen. Was wäre sein Leben ohne diesen Herrn? Ein langweiliger Ort. Jeden Tag kam er aufs Neue an Norberts Bude, um sich seine Currywurst abzuholen. Ernährungsexperten hatten ihre Stirn in Kraus gezogen und sich wahrscheinlich über die eintönige Ernährung des Kunden ausgelassen. Dennoch hielt er Norbert die Treue und bekannte sich offen zu seiner Lieblingsspeise.
An guten Tagen war Norbert dankbar für den treuen Herrn. Er gehörte nicht nur zu den zahlungsfähigen Kunden, sondern brachte auch noch eine kostenlose Portion Humor mit. Auch wenn diese wirklich eigenartig war. Doch Norbert verstand ihn.

«Gratis, wie immer», pflegte er dann nach einem Witz zu sagen, über den wahrscheinlich nur Norbert und der Kunde lachen konnten. Nach dem täglichen Besuch gingen beide wieder ihrer Wege, nur um sich am Tage darauf an Ort und Stelle zu wiederzutreffen und ihr Spiel von neuem zu beginnen.

Doch heute war ein schlechter Tag. Kein guter für Norbert und den Kunden. Letzterer wusste noch nichts von seinem Glück. Und das war auch gut so. Denn der Kunde mochte keine schlecht gelaunten Menschen. Diese fand er unausstehlich. Aber darum soll es hier nicht gehen. Es gab schlechte und sehr schlechte Tage. 

An schlechten Tagen war Norbert schweigsamer als sonst. Er hing seinen Gedanken nach und ließ den Kunden reden. Sein Geschwätz interessierte ihn nicht. Manchmal kommentierte der Kunde seine Schweigsamkeit und machte sich auf Norberts Kosten lustig. Doch Norbert schenkte ihm dann keine Beachtung. 
An sehr schlechten Tagen hätte Norbert seinem Kunden die Currywurst am liebsten ins Gesicht geschmiert. Seine Sprüche regten ihn auf. Er konnte sie nicht mehr hören und wünschte sich, der Kunde würde sich ein anderes Opfer suchen und ihn endlich in Frieden in seiner Bude sitzen lassen. 

Schlechte Tage konnten sich auch während des Gespräches zu sehr schlechten Tagen entwickeln. Das hing immer ganz davon ab, welche Themen so in die Runde geworfen wurden.
Norbert wandte sich ab, holte eine der Bratwürste hervor und legte sie auf den Grill.
«Bald ist Weihnachten, alter Junge. Da gibt’s bei dir doch hoffentlich was Ordentliches zu essen. Wie zum Beispiel einen frittierten Truthahn in der hauseigenen Fritteuse», redete der Kunde.
Norbert gab einen unverständlichen Laut von sich.
«Tag ein Tag aus sitzt du in dieser verdammten, stinkenden Bude fest. Da soll doch wenigstens das Weihnachtsfest mal etwas Abwechslung in die Runde bringen.»
Norbert wollte nicht, dass sich der Kunde heute in Rage redete. Also fragte er: «Wie verbringen Sie denn die Weihnachtsfeiertage?»
Der Kunde kam seit zwei Jahren jeden Tag vorbei. Beide hätten schon oft Gelegenheit gehabt, sich über das Weihnachtsfest zu unterhalten. Doch ihre Gespräche blieben meist banal und gingen nicht allzu sehr ins Detail.

Norberts Mutter, Besitzerin dieser Bude, hatte immer gepredigt: «Keine Budenphilosophien, mein Junge. Du bist nicht ihr verdammter Therapeut. Du kümmerst dich um ihre Ernährung und brätst ihnen was Ordentliches. Wenn du deine Arbeit gut machst, kommen sie wieder. Und das ist Hilfe genug.»

An diesen Ratschlag hatte sich ihr Sohn immer gehalten. Und die Kunden kamen wieder.
«Ich? Pah!»
Der Kunde nahm einen Schluck von seinem Kaltgetränk und verstummte. Wäre Norbert aufmerksam gewesen, hätte es ihn irritiert, dass es dem Kunden so plötzlich die Sprache verschlug. So redete er doch sonst immer über alles Mögliche.
Doch es war ein schlechter Tag. Und so tauchte Norbert in einen Tagtraum ab, während er die Wurst briet und die Currysoße anrührte. 
In diesem Tagtraum sah er sich, wie jedes Weihnachten, alleine vor seinem Fernseher sitzen. Wenn ihm das Fernsehprogramm hold war, würde es diese drei Tage etwas erträglicher machen. Doch schon die letzten Feiertage hatten nichts Gutes bedeutet. Eintönige Filme oder solche, die Norbert bereits in und auswendig kannte und ihn nicht davon ablenkten, dass irgendwo eine Familie saß und das Weihnachtsfest gemeinsam feierte. Um genau zu sein nicht eine, sondern seine Familie. Warum er nicht bei ihnen war? Das war auch eine Geschichte wert. Eine Geschichte, die aber nicht hier und heute erzählt werden soll. 

«He, Junge, hörst du mir überhaupt zu?», holte ihn der Kunde in die Gegenwart zurück.
Norbert blickte von seiner Arbeit auf. Die Wurst war fertig. Die Soße auch. Er schob seinem Gast den Teller hin.
«Weihnachten ist ein einziges Chaos. Ich kauf mir einen Kasten Bier und hoffe, dass ich damit die Feiertage durchkomme. Anders ist dieses ganze schnulzige Ding ja nicht zu ertragen, was?»
Das sonst so fröhliche Lachen hatte diesmal einen traurigen Beigeschmack. Norbert nickte wissend, obwohl er sich noch nie in Alkohol ertränkt hatte.
«Weißt du, hätte ich eine ordentliche Stange Geld, dann würde ich nicht hier herum sitzen. Jedes Jahr Eiseskälte und keine einzige Schneeflocke. Ich sag mir immer, entweder ganz oder gar nicht. Halbe Sachen gibt’s bei mir nicht.»
Norbert blickte ihn fragend an. Was sollte das nun schon wieder heißen?
«Komm schon, Junge! Du weißt schon! Entweder Winter mit ordentlichem Schneetreiben oder Weihnachten in Australien am Strand. Und glaub mir, letzteres wäre mein absoluter Favorit. Keine erfrorenen Gliedmaßen oder jammernde Menschen. Stell dir das doch mal vor! Den Heiligabend surfend am Strand zu verbringen. Das wäre ein Traum.»
Die Augen des Kunden begannen zu leuchten.
Norbert fand sich ganz kurz in der Fantasie des Mannes wieder. Der Strand voll gut gelaunter Menschen. Weihnachten war ein Tag wie jeder andere auch. Man verbrachte ihn am Wasser, grillte und brachte vielleicht sogar ein paar Geschenke mit um dem Tag doch etwas Besonderes zu verleihen. Wenn es dunkel wurde, entfachte man das Lagerfeuer, holte die Gitarre hervor und stimmte ein paar australische Weihnachtslieder an.
Wobei... Gab es sowas überhaupt? Norbert hatte schon immer einen Gefallen an englischen Weihnachtsliedern gefunden, deren Inhalt er nicht verstand, die aber alle etwas Fröhliches, Verträumtes ausstrahlten. Nicht diese tristen Lieder, die er früher schon im Gottesdienst hatte mitsingen müssen.

«Wenn das verdammte Feuer dann langsam herunterbrennt, starren die Sensibelchen in den Himmel und freuen sich über die Sterne. Schauen sie dann genau hin, finden sie sogar eine Sternschnuppe und können sich was wünschen. Das wär doch was Feines, oder? Tja, genau das hat sich meine Frau auch gedacht und ist ohne mich nach Australien. Und ich bleibe hier allein zurück mit demselben Traum und einem leeren Konto. So ist das Leben, Junge. Also, bleib lieber in deiner Currybude und spar dein Geld für eine neue Fritteuse», beendete der Kunde die Vision, die bis gerade eben noch einen schönen Zauber verbreitet hatte.
Er stand auf, winkte zum Abschied und verschwand.

Den ganzen restlichen Tag dachte Norbert über diese Vision nach. Australien war eindeutig eine Nummer zu groß. Das war ihm bewusst. Außerdem hatte er keine Ahnung, wie er innerhalb so kurzer Zeit den Kontinent wechseln konnte. Doch eines war klar: Dieses Weihnachtsfest sollte anders werden. Er hatte keine Lust mehr einsam und allein in seiner Wohnung zu sitzen. Schon allein bei der Vorstellung packte ihn die Wut.
«Wut, mein Junge, ist eine gute Sache. Denn, wenn du sie in die richtigen Bahnen lenkst, kannst du ordentlich was bewegen.»
Noch so ein weiser Spruch von der Frau Mama.
Und während er so da stand und grübelte, wo er das Weihnachtsfest verbringen wollte, überkam ihn eine leise Ahnung. Diese Ahnung formte sich zu einem Bild. Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.

Die Arbeit war getan. Er hatte die Bude verschlossen, sich hinter das Steuer gesetzt und war sofort losgefahren. Raus aus der Stadt in die Natur. Obwohl der ausgesuchte Platz nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten war, verirrte sich im Winter niemand hier hin. Und er liebte diesen Platz. Egal ob bei Kälte oder im Sommer. Der zugefrorene See lag etwas versteckt. Man musste sich schon in der Gegend auskennen. Im Sommer kam es häufiger vor, dass sich kleinere Grüppchen über einen ruhigen Platz freuten, an dem sie grillen konnten. Doch im Winter bevorzugten die jungen Leute die Eislaufbahnen und zwar an zentralen Orten. Niemand war so verrückt einen einsamen See aufzusuchen. Norbert hatte hier viele schöne Momente verbracht. Gemeinsam mit seiner Familie. Damals, als alles noch perfekt gewesen war.

Doch alleine hier her kommen, hatte er sich bisher nie getraut. Was war man denn für ein einsamer Schlucker, wenn man keine Freunde hatte, mit denen man diesen Ort teilen konnte? Da waren die eigenen Wände doch viel sicherer. Da fand niemand heraus, dass man im Großen und Ganzen eigentlich allein war. War es wirklich eine gute Idee Weihnachten hier verbringen zu wollen? Zweifel machten sich breit.
«Du hast dich lange genug von anderen bestimmen lassen. Glaub verdammt nochmal an dich selbst!», sagte sich Norbert und parkte auf dem verlassenen Parkplatz ein.
Er stieg aus, lief den Kiesweg hinab und fand sich vor dem großen See wieder. Den Ort, den er seit Jahren gemieden hatte. Und da wusste er: Hier war sein Australien.

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