Dienstag, 31. Januar 2017

Mein Blind Date mit dem Leben

Bild von
Bastei Lübbe
Steckbrief

Name: Mein Blind Date mit dem Leben
Autor: Saliya Kahawatte
Verlag: Bastei Lübbe
Geeignet für: Menschen, die sich für das Leben mit Behinderung interessieren, Leute, die gerne Biografien lesen
Gelesen oder gehört: gelesen
Bewertung: 4 von 5 Punkten


Klappentext 

(von Bastei Lübbe

"Mit 15 Jahren verliert der Deutsch-Singhalese Saliya Kahawatte innerhalb von Monaten einen Großteil seines Augenlichts. Die Ärzte sagen, dass er eines Tages völlig blind sein wird. Er soll die Schule verlassen und in die Blindenwerkstatt, er aber träumt von Abitur, Studium und selbstbestimmtem Leben. 15 Jahre lang verschweigt er seine Behinderung, um in der Welt der Sehenden Karriere machen zu können. Fingerspitzen, Ohren und seine Intuition ersetzen seine Augen. Doch eines Tages muss er zugeben, dass seine Welt fast nur aus Schatten besteht..."


Meine Meinung 

Saliya Kahawattes Biografie sorgte für einigen Diskussionsstoff in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Durch eine Augenerkrankung verliert er innerhalb kurzer Zeit einen Großteil seines Sehrests. Damals wurden hochgradig sehbehinderte oder blinde Menschen gerade mal in drei Berufen ausgebildet, oder kamen höchstens in Integrationsbetrieben unter. Behinderte auf dem ersten Arbeitsmarkt schien damals noch ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht aber für Saliya Kahawatte. In eine Blindenwerkstatt? Nein danke dachte er sich, machte sein Abitur an einem normalen Gymnasium, verschwieg seine hochgradige Sehbehinderung um eine Laufbahn im Gastronomie- und Hotelfach zu starten.
Ich bin von Geburt an sehbehindert. Nicht nur hochgradig Sehbehinderte, sondern auch vollblinden Menschen gehören zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Je nach Einschränkung fiel es einigen schon schwer, einen Teller gerade halten zu können. Da fragte ich mich nun: Ein hochgradig Sehbehinderter als Kellner? Wie um alles in der Welt soll das funktionieren? Saliya Kahawatte beweist, dass es geht. Auch wenn ich nicht viel davon halte, seine Behinderung zu verschweigen.

Gestaltung 
Um die Biografie Mein Blind Date mit dem Leben wird momentan ziemlich viel Wirbel gemacht. Saliya Kahawattes Geschichte ist nicht nur als Buchform erschienen, sondern wird momentan auch im Kino gezeigt. Das Cover erinnert daher sehr an ein Filmplakat. Man sieht drei Darsteller - zwei Männer im schicken Kellnerdress, eine Frau in einem eleganten Kleid - in der Mitte prangt der Titel Mein Blind Date mit dem Leben. Das Cover wäre mir in der Buchhandlung aufgefallen und hätte dafür gesorgt, dass ich mir das Buch einmal genauer angeschaut hätte. Obwohl das Wort Blind bereits im Titel steckt, hätte es sich hier nicht zwangsläufig um eine Geschichte rund um das Thema Sehbehinderung oder Blindheit handeln müssen.
Der Klappentext wirkt aber etwas klischeehaft. Die Formulierung verliert sein Augenlicht erinnert mich ein bisschen an den, von Rollstuhlfahrern belächelten Satz: "An den Rollstuhl gefesselt" (Mehr solcher Klischees und den Umgang von Behinderten mit solchen Formulierungen findet ihr HIER).
Dennoch macht der Klappentext neugierig auf die Biografie des aus Sri Lanka stammenden Autors.
Die Schriftgröße von Mein Blind Date mit dem Leben war, trotz Hilfsmitteln, für mich fast ein bisschen zu klein. Aber ich denke, auch das ist Geschmackssache und wurde daher bei der Bewertung nicht negativ vermerkt.

Inhalt 
Das Buch wird aus zwei Perspektiven erzählt. Zum einen rollt Saliya Kahawatte die Geschichte von hinten auf, erzählt wie er aufgewachsen ist, wie das Ganze mit seiner Sehbehinderung begann bzw. sich entwickelte und lässt uns an seiner Gastronomielaufbahn teilhaben.
Zum anderen nimmt er uns auch mit in die Gegenwart: Wie hat sich sein Leben verändert? Was konnte er aus den Schicksalsschlägen - mittlerweile hat er auch eine Körperbehinderung - mitnehmen?
Diese zwei Blickwinkel gefielen mir recht gut. Oft enden Biografien ja mit der Bewältigung der thematisierten Krise, geben aber selten einen Einblick darüber, wie es dem Autoren heute geht. Hier hingegen bleiben nur minimale offene Fragen zurück, die sich aber, dank des momentane Medienrummels, sicher einfach recherchieren lassen.

Inhaltlich durchlebte ich mit Mein Blind Date mit dem Leben buchstäblich Höhen und Tiefen. Ich ertappte mich dabei, wie ich anfangs über Saliya Kahawatte urteilte: Sätze wie "Wenn er seine Behinderung früher offenbar hätte, dann...", schossen mir durch den Kopf. Dann gab es aber auch die andere Seite, die sich dachte, dass die jahrelange Verdrängung seiner Sehbehinderung durchaus einen Grund hat. So liegt es nicht nur daran, dass er sich durch das Verschweigen seiner Sehbehinderung im Hotelfach bessere Chancen erhoffte. Aufgrund seiner familiären Situation lassen sich schnell Gründe für die Verdrängung festmachen, ohne, dass diese gleich zu Beginn der Geschichte als solche gekennzeichnet werden.
Meine anfängliche Aggression verwandelte sich in Empathie. Natürlich finde ich es nach wie vor keinesfalls richtig, seine Behinderung zu verschweigen. Dennoch ergaben seine Argumente für mich Sinn. Zudem ist es auch ein Schritt erkennen zu müssen, dass man eben nicht alles kann. Und so lange diese Erkenntnis fehlt, lebt man in dem Glauben, mithalten zu können bzw. zu müssen.

Ich konnte nachvollziehen, dass Saliya Kahawatte nicht in die Behindertenschublade gesteckt werden wollte. Dennoch saß ich, die das Hilfsmittelsystem quasi seit Jahren kennt, verzweifelt da und wartete geradezu darauf, dass er sich endlich darüber informierte, welche Hilfsmittel sein Leben erleichtern könnten. Denn ich bekam beispielsweise Anfang der 2000er Jahre meine erste Vergrößerungssoftware, die mir das Arbeiten am PC ermöglichte. Saliya Kahawatte kam erst durch Umwege an die richtigen Stellen, die dafür sorgten, dass sich ihm neue Möglichkeiten der Kommunikation eröffneten.

Spannung 
Durch die beiden Handlungsstränge - Saliya Kahawatte in der Gegenwart und das Aufrollen seiner Biografie - wurde der Spannungsbogen gut gehalten. Mich interessierte, ab welchem Punkt es zu seinem Lebenswandel kam und wie sich sein Arbeitsalltag im Hotel- bzw. Gastronomiebereich gestaltete.

Schreibstil 
An Saliya Kahawattes Schreibstil musste ich mich erst einmal gewöhnen. Es liegt nicht daran, dass der Inhalt seiner Biografie schwer zu verstehen ist. Er versteht sich darauf, seine Erzählung sprachlich gut auszuschmücken. Dennoch schafft er es, viel zwischen den Zeilen zu erzählen, was dafür sorgte, dass ich den Inhalt auch verdauen musste, damit mir keine wichtige Information durch die Lappen ging.
Das Erzählen zwischen den Zeilen zeichnet sich unter anderem durch den Gebrauch bestimmter Worte, wie beispielsweise Augenfehler aus. Hier hatte ich das Gefühl, dass er das Wort als Synonym gebrauchte, um sich nicht als behindert einstufen zu müssen.
Leider deutet er hier und da behindertenspezifische Dinge an, auf die er im Laufe des Buches nicht mehr zu sprechen kommt.

Gesamteindruck 
Das Buch beende ich mit gemischten Gefühlen. Einerseits war es faszinierend zu beobachten, was Saliya Kahawatte trotz Sehbehinderung leistete und wie er es schaffte, sich Strategien zu erarbeiten. Im Hotelfach hängt schließlich viel von visuellen Fähigkeiten oder Schnelligkeit ab. Seine Strategien haben ihn über viele Jahre weit gebracht.
Das zeigt zum einen das Menschen mit Behinderung durchaus etwas leisten können, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, sich zu beweisen.
Andererseits frage ich mich, was uns die Biografie mit auf den Weg geben soll. Als Saliya Kahawatte offen mit seiner Behinderung umgeht, wird es auch für ihn, trotz der zahlreichen Qualifikationen schwierig eine Arbeit zu finden. Er berichtet in seiner Biografie auch über Episoden der Perspektivlosigkeit und dem Gefühl der Gesellschaft nur auf der Tasche zu liegen. Er erzählt von nichtbehinderten Behindertenberatern und Einrichtungen, deren Aufgabe es ist, Klienten auszubilden, aber deren Ziel nicht darin besteht, diese Menschen primär für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren.
Warum er jetzt dennoch sagen kann, ein glückliches Leben zu führen? Das müsst ihr selbst herausfinden.

Ihr seht: Ich bin so gefüllt von den Eindrücken zu dieser Biografie. Ich glaube, ich könnte Blogbeiträge damit füllen. Auf den letzten Zeilen dieser Rezension möchte ich noch mit dem Klischee der Blindenbücher aufräumen. Natürlich geht es hier um Sehbehinderung bzw. Blindheit. Das Interessante an Saliya Kahawattes Biografie ist aber nicht ausschließlich das Leben mit der Sehbehinderung, sondern sein Weg von der vollkommenen Verdrängung zur stückchenweise Akzeptanz seiner Behinderung. Dieser Weg ist hier stellenweise sehr gut beschrieben, auch wenn ich mir hier und da noch mehr Einblicke in sein heutiges Leben gewünscht hätte.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich dieses Buch nicht nur denjenigen empfehlen kann, die selbst eine Behinderung haben und sich fragen, wie sie damit umgehen sollen. Ich lege es auch den Menschen ans Herz, die sich nicht sicher sind, wie sie mit Behinderten umgehen sollen, oder die sich allgemein für das Thema Menschen mit Behinderung interessieren. Es bietet ordentlich Material für Diskussionsstoff.


Und du? 

Nun möchte ich mit dir ins Gespräch kommen:

Hast du selbst eine Behinderung bzw. standest auch mal vor der Wahl sie zu verschweigen oder offen zuzugeben?

Was hältst du von Saliya Kahawattes Geschichte?


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* Dieses Buch wurde mir von Bastei Lübbe als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

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