Samstag, 10. Dezember 2016

Im Jahre der unbekannten Zeitrechnung - Stille Freuden

Foto: A. Mack
Sie war keine Frau der großen Worte. Es lag nicht einmal daran, dass sie nicht gerne sprach. Sie hatte durchaus viel zu erzählen. Nur eben nicht jedem. Um genau zu sein, war sie schüchtern. Aber schüchtern war so ein hässliches Wort. Sie stand allein in der Küche des Cafés und polierte die Gläser, während draußen die letzten Gäste verabschiedet wurden. Weihnachten war das Fest der Liebe. Und es gab nichts Schöneres als anderen Menschen eine Freude zu machen. Das Café war sehr gut besucht gewesen. Doch hatte kein bisschen Weihnachtsstimmung in der Luft gelegen. Obwohl sie Weihnachten liebte und wusste, dass ihre Gäste diese Liebe nicht mit ihr teilten, freute sie sich Fest um Fest in dem Café zu verbringen. Warum? Sie war unter Menschen. Es wurde gelacht, getanzt und gesungen. Sie fühlte sich lebendig. Es war nicht so, dass sie sich an den anderen Tagen des Jahres unlebendig fühlte. Es fehlte etwas in ihrem Leben. Schon seit zwei Jahren. Seit er eines Tages den steifen Salon verlassen und sie mit der langweiligen Familie zurückgelassen hatte. Doch seine Abwesenheit hatte ihr Tür und Tor geöffnet. Sonst wäre sie nie ihrem großen Traum nachgegangen, ein eigenes Café zu verwirklichen. Während sie der Umgang mit Worten verunsicherte, wussten ihre Hände genau, wie man guten Kuchen backte, Teige schuf und Essen ein schönes Gesicht gab.
„Ich mach dann mal Feierabend“, rief einer ihrer fleißigen Helferlein.
„Ist gut“, antwortete sie und hörte, wie er die Ladentür schloss.
Obwohl es wie immer ein wunderbares Fest gewesen war, musste sie am Ende des Tages immer an ihn denken. Den Bruder, der ihr schon verborgen geblieben war, als sie noch unter einem Dach gelebt hatten. Nachdem die Küche auf Vordermann gebracht worden war, warf sie einen letzten Blick in den Caféraum. Sie betrachtete den schön geschmückten Weihnachtsbaum und ließ den Abend vor ihrem geistigen Auge Revue passieren. Doch ein leises Kratzen riss sie aus ihren Erinnerungen. Sie zuckte zusammen. War es eine Katze? Ein Gast, der etwas vergessen hatte? Oder doch das fleißige Helferlein? Das Café war nur spärlich beleuchtet. Sie musste sich also erst der Tür nähern, um den Überraschungsgast erblicken zu können. Vorsichtig bewegte sie sich auf die Glastür zu und machte auf dem Weg dorthin das Deckenlicht an. Bei der Tür angekommen erstarrte sie. Draußen stand ein Mann, gehüllt in einen dünnen Mantel. Sie musste nicht lange überlegen, wer da vor ihr stand. Er war dünn geworden. Die Tür war schnell geöffnet. Doch als sie sich dann gegenüberstanden, musterten sie sich verlegen. Wie viel Zeit war doch gleich vergangen?
„Du bist dünn geworden“, war das erste, was ihr über die Lippen kam.
„Du hast deinen Traum verwirklicht“, lächelte er.
Und da gab es kein Halten mehr. Weihnachten war das Fest der Liebe, Freundschaft und Familie. Endlich hatte sie einen wichtigen Teil ihrer Familie wiedergefunden.

Freitag, 9. Dezember 2016

Im Jahre 2012

„Susie! Komm schnell.“
Verschlafen öffnete ich die Augen. Die letzten Bilder des abklingenden Traumes zogen an mir vorbei. Ein Kampf mit den Feinden. Und ich auf der siegessicheren Seite.
„Susie! Wo bist du?“
Mein Schlafplatz war wirklich gemütlich. Warum also aufstehen? Mein Zeitgefühl sagte mir, dass ich ruhig noch ein bisschen schlafen konnte. Ich hatte mich doch eben erst hingelegt.
„Ich glaube, sie will gar nichts“, hörte ich sie unten reden.
„Es ist Weihnachten. Da soll sie doch auch etwas Feines bekommen.“

Foto: A. Mack
Feines? Jetzt wurde ich aber wirklich neugierig. Vorsichtig stand ich auf und verließ meine Schlafstätte.
„Susie, jetzt aber flott“, riefen sie, als sie mich erblickten. Eigentlich wollte ich leise die Treppe herunterschleichen und erst einmal die Lage checken, bevor man sich schon wieder mit Gebrüll auf mich stürzte. Manchmal fehlte ihnen wirklich das Feingefühl.
Die Küchentür stand offen. Erwartungsvoll blickte man mich an.
Langsamen Schrittes betrat ich den Raum. Gerüche schossen mir in die Nase. Leckere Dinge. Langsam lief mir das Wasser im Mund zusammen. Konditionierung lässt grüßen.
Nachdem ich den Raum einmal durchquert hatte, musste ich feststellen, dass sich nichts Essbares finden ließ. Na, toll!
„Manchmal ist sie wirklich etwas schwer von Begriff“, wurde mein Vorgehen von ihnen kommentiert.
„Manchmal bringt ihr mich wirklich auf die Palme“, hätte ich am liebsten patzig geantwortet. Aber ich hatte mit den Jahren gelernt, meine Worte gezielt einzusetzen. Ein letzter Blick in Richtung meines Tellers. Meine Augen wurden groß.
„Aaaah“, kommentierte mein Umfeld.
Nun schoss mir der Thunfisch Geruch ganz deutlich in die Nase. Wie hatte ich ihn nur ignorieren können?
Schnell war ich an meinem Napf angelangt, beugte mich darüber und begann zu speisen.
Ein Fest! Ein wahrliches Fest!

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Im Jahre 1950

Foto: A. Mack
„Jetzt sagt dem Papa etwas Schönes“, schniefte die Mutter in ihr Taschentuch.
„Frohe Weihnachten“, murmelten wir.
Vater. Was für ein Wort. Natürlich wussten wir, was ein Vater war. Doch war unserer schon ganz lang ziemlich weit weg. Mein älterer Bruder behauptete zwar, er könne sich noch genau an ihn erinnern, aber ich glaube ihm kein Wort. Alle redeten davon, dass er gefallen sei. Als ich fragte, wohin denn, straften mich böse Blicke. Deswegen hatte ich mich auch nicht getraut zu fragen, ob denn sein Knie weh tat und man ihm zumindest ein Pflaster gebracht hätte. Oder warum ihm dann niemand geholfen hatte, wieder aufzustehen. Aber das war alles schon eine Weile her.
Während meine Mutter am Grab verharrte, sahen wir Kinder uns unsicher an.
„Wann gehen wir? Es ist kalt“, fragte mein kleiner Bruder.
„Boris“, zischte ich.
„Ich komme gleich, ja?“, meinte meine Mutter abwesend. Verstohlen schlichen wir uns davon. Obwohl es bereits dämmerte und es dann ziemlich gruselig auf einem verlassenen Friedhof werden konnte, wurde uns doch zu langweilig. Wir kamen ja jede Woche hier her. Und an Feiertagen brauchte Mama meistens etwas länger. Das Geld war dieses Jahr knapp. Boris und ich hatten uns ein Fahrrad gewünscht. Natürlich wäre es viel toller, wenn wir ein eigenes bekommen würden, aber wir ahnten, dass das nicht ging. Um die Aussichten auf ein Fahrrad zu erhöhen, hatten wir uns daher überlegt uns einfach eines zu teilen. Aber unser älterer Bruder war gemein genug um uns die Hoffnungen kaputt zu machen.
„Ein Fahrrad? Na ihr habt Vorstellungen. Außerdem, wenn Mama wirklich eines gekauft hätte, hättet ihr es ja sicher finden müssen. Wir haben ja nur drei Zimmer.“ „Aber es kauft doch nicht Mama. Das macht doch der Weihnachtsmann“, beharrte Boris. Dass es den Mann nicht gab, hatte ich ihm noch nicht erzählt. Und ich wollte es auch weiterhin ein bisschen hinauszögern.
Auf einigen Gräbern brannten Kerzen. Doch wir waren weit und breit die einzigen Besucher auf diesem Friedhof.
„Schau dir mal das Teil an“, meinte Boris und deutete auf ein Grab. Es sah ziemlich verwildert aus. Eine Fläche voller Moos. Das obligatorische Kreuz fehlte. Verdutzt blieb ich stehen. Wer lag hier begraben? Ich trat näher und stellte fest, dass ein Schriftzug unter dem Unkraut hervorlugte. Also musste es wohl doch so etwas wie einen Grabstein geben. Ich beugte mich hinunter und erkannte, dass es sich bei den Pflanzen gar nicht um Unkraut handelte. Die Platte war mit drei großen Töpfen bedeckt, deren Aufgabe wohl darin bestand, Pflanzen zu produzieren, die den Schriftzug bedecken sollten. Mittlerweile war es fast dunkel geworden. Ich steckte meine Hand aus und hoffte, die Schrift erfühlen zu können. Doch da tauchte ein Lichtschein wie aus dem Nichts auf. Ich sah mich verstohlen um und erkannte, dass das Licht von oben kam. Oben am Himmel leuchteten die Sterne. Doch einer stach hervor.
„Das Glück wird dir begegnen, wenn du es am wenigsten erwartest.“
Was für eine merkwürdige Inschrift.
Ein Schrei erfüllte den Park. Boris und ich sprangen auf und rannten zum Grab unseres Vaters. Dort kniete unsere Mutter. Zitternd.
„Was ist los?“, fragten wir Kinder. Da richtete sie sich auf. Und ein Beutel kam zum Vorschein. Als sie ihn schüttelte, hörten wir die Münzen klimpern,

Mittwoch, 7. Dezember 2016

In den 2000ern

Die Zeiten, an denen man noch glaubte, dass der Weihnachtsmann die Geschenke höchstpersönlich nach Hause brachte waren aktueller denn je. Der Tisch war reich gedeckt, die Verwandtschaft hatte Platz genommen und war in rege Gespräche vertieft. Wir Kinder konnten kaum ruhig sitzen. Geschenke... Wann war es endlich soweit? Das Essen schmeckte so ... naja. Die Gespräche waren langweilig. Dann verließ einer der Erwachsenen den Raum. Erst ein Jahr später bekam dieses Detail eine wichtige Bedeutung. Damals interessierten wir uns nicht dafür. Schließlich warteten wir nur auf den einen. Den Weihnachtsmann. Und der hatte uns doch nicht vergessen... Oder?

Foto: A. Mack


Prüfend blickte ich auf die gutgefüllten Teller der Verwandtschaft. Ging das denn nicht ein bisschen schneller?
Doch plötzlich ging ein lautes Krachen durch den Raum. Ein Krachen, dass nur eines bedeuten konnte: DER WEIHNACHTSMANN! Bei uns im Haus! Ein Bruder – oder war es doch einer der Cousins? – brüllte: „Es kommt aus dem Keller.“
Mein Vater an vorderster Front war als Erstes unten. Er hatte es wohl besonders eilig. Das Geräusch erstarb. Und wir erblickten einen Raum voller Geschenke. Der Boden war bedeckt und Kinderaugen leuchteten. Irgendjemand hielt einen Stiefel in die Höhe: „Er hat seinen Schuh vergessen.“ (Und im Übrigen hat er ihn nie bei uns abgeholt. Dieser Mann musste wohl ein ganzes Lager an Weihnachtsmannstiefeln haben).
Nun mussten die Geschenke noch hoch ins Wohnzimmer getragen werden. Dann konnte die Bescherung endlich beginnen.

Dienstag, 6. Dezember 2016

Im Jahre 2016

Foto: A. Mack


Das virtuelle Blatt wurde zerknüllt und in einen Papierkorb geworfen. Wobei der Versuch scheiterte und die Kugel daneben landete. 24 Geschichten sollten es werden. Für einen Adventskalender. Das konnte doch nicht so schwer sein. Wo war denn die Weihnachtsstimmung? Bei 15 Grad im November...

Doch vielleicht würde irgendwo ein Stern aufgehen, der ihr den Weg leuchtete. Den Weg zur Kreativität?



Im Gehirn wurde die Erinnerung des schönsten Weihnachtsfestes gesucht. Und auch prompt gefunden...